Der irdene Krug 2

Der irdene Krug 2

Alera fühlte die Seele des Piloten zittern. Sie lockerte ihren Griff und sagte: „Erzähle mir!“ Sie betrachtete ihn aufmerksam und legte ihre Hände in den Schoß. Der Pilot fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Wer war diese Frau!? Hochgewachsen und schlank, fast zierlich, strahlte sie eine geradezu unheimliche Kraft aus, die der Pilot allerdings mehr und mehr als tröstlich empfand. Etwas in ihm sehnte sich danach, sich der jungen Frau anzuvertrauen. Und so schüttete er ihr sein Herz aus. Von seiner Ehe berichtete er und dass seine Frau ihn vor einigen Jahren verlassen hatte. Von den Eltern, die er eigentlich nie richtig gekannt hatte, den Großeltern die ihn liebevoll und streng erzogen hatten. Er erzählte von seinem Eintritt in die Armee und wie er Pilot geworden war. Die Schrecken des Krieges, die er sah und erlebte, aber auch die überraschende Menschlichkeit, die man selbst in den entsetzlichsten Situationen vorfand. Schließlich erzählte er von der schicksalhaften Begegnung in der Luft, und dass man ihn einfach hinaus geworfen hatte, aus der Armee. All seine Verdienste, seine Erfahrung zählten nicht.

Schweigend hörte Alera zu. Sie sah, dass so manche Wunde auf der Seele des Piloten zu bluten begann und ergriff schweigend seine Hand. Schließlich wiegte sie den weinenden Mann in ihren Armen, wie ein Kind. Mit ihrem Schultertuch trocknete sie seine Tränen, die zu leuchtenden Kristallen wurden. Verwundert sah der Pilot, wie Alera seine Tränen behutsam in ihren Topf legte, als seien sie kostbar. „Sie sind es!“ rief die junge Hofdame aus. „Jede Erinnerung ist kostbar. Wenn du erlaubst, werde ich sie mit mir nach Asgard nehmen und dort werden sie in der Ewigen Schatztruhe verwahrt.“ Der Pilot nickte schweigend und fühlte, wie etwas in ihm zu heilen begann.

„Da du mir dein Herz geöffnet hast,“ begann Alera „will auch ich dir nun erzählen. Mein Name ist Alera. Ich bin eine Dise und stehe in Diensten der Hohen Göttin Holda. Wie jedes Jahr begleitete ich sie auf der Wilden Jagd, um ihr all die heilenden und trostbringenden Tränke anzureichen, die sie den Menschen entbietet. Doch als wir dich in der Luft trafen, verlor ich den Topf.“ Alera seufzte und schlug einen Moment die Augen nieder. Schließlich flüsterte sie: „Meine Herrin gebot, dass ich mit nach Asgard ginge, denn die letzte Raunacht neigte sich dem Ende. Doch Walvaters Gebot lautet: Die Jäger dürfen nichts auf der Erde zurück lassen. Also war ich ungehorsam gegen meine Königin, um dem Walvater gehorsam zu sein. Ich fand meinen Topf, doch die Sonne hatte mich schon auf deinem Land erblickt und so muss ich nun bleiben, bis zur nächsten Raunacht.“ Nun ergriff der Pilot behutsam die zarte Hand der gestrandeten Dise. Sie legte den Kopf an seine Schulter und seufzte erneut. „Es scheint,“ sagte die junge Frau, „als wären wir beide irgendwie abgestürzt und gestrandet.“

Schweigend dachten beide eine Weile nach. Plötzlich hob Alera entschlossen den Kopf. Blaues Feuer schien aus ihren Augen zu kommen als sie sprach: „Höre! Ich muss ein Jahr in deinen Diensten bleiben und du wirst ein Jahr mit einer Dise im Haus leben müssen. Was immer die Hohen Weisen, die Drei Herrinnen am Brunnen sich auch dabei gedacht haben mögen, wir werden das beste daraus machen!“ Aleras Kraft, ihre kämpferische Sanftheit, flößten auch dem Piloten Zuversicht ein. Man beschloss, zunächst einmal ins Haus zu gehen, und zu frühstücken. Wie sie es gewohnt war pfiff Alera kräftig, doch der Tisch deckte sich einfach nicht! Ach ja richtig! Auf Erden war sie der meisten ihrer Kräfte beraubt! Nun es half nichts, sie musste das Essen selbst machen. Entschlossen ging sie hinaus und holte Holz. Nachdem sie sich kurz umgesehen hatte beschloss sie, dass der Elektroofen die Feuerstelle sein musste. Sie schichtete das Holz hinein und wollte es gerade anzünden, als der Pilot sie gerade noch davon abhielt.

Ehe die Dise zornig werden konnte über den ungehobelten Menschen-Mann, der sich frech in Frauenangelegenheiten mischte, erklärte er ihr, wie ein Elektroofen funktionierte. Die Augen der jungen Frau wurden immer größer. Schließlich flüsterte sie: „Ihr habt den Blitz gezähmt und eingesperrt?! Was wird nur Thor dazu sagen!“ Der Pilot empfand so etwas wie Stolz und erläuterte der jungen Frau aus einer anderen Welt all die technischen Errungenschaften und die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die die Menschheit entwickelt hatte. Alera wurde immer bedrückter, je mehr sie erfuhr. Sie begann zu ahnen, warum die Menschen so hart geworden waren, einander nicht mehr als die heiligen Kinder des Lebens betrachteten, die sie doch in Wahrheit waren. Schließlich hüllte sie ihr Gesicht in ihr Schultertuch und begann hemmungslos zu weinen. Der Pilot verstand die Welt nicht mehr. „Warum weinst du denn?“, fragte er hilflos. „Ich weine um euch,“ schluchzte Alera. „Da ihr die Geheimnisse der Welt entschlüsselt, vergesst ihr mehr und mehr euer eigenes Mysterium. Da ihr glaubt, alles kontrollieren zu können, verliert ihr die Liebe und die Hochachtung füreinander. Da euch alles zu Diensten sein muss, versklavt ihr die Seelen eurer Brüder und Schwestern gleich mit. Ihr selbst seid der giftige Dorn in euren Seelen. Eure Kinder könnten euch retten, doch ihr nehmt ihnen die heilige Kraft und nennt das ‚Erziehung’“.

Wie ein Donnerschlag traf es den Piloten, als er erkannte, dass die Dise Recht hatte. Ja, sie hatte in allem Recht! Plötzlich waren all die Geschichten voller Zauber und Magie, die Großmutter und Großvater erzählt hatten, kein leeres Geschwätz mehr. „Natürlich nicht,“ flüsterte Alera, „wie sonst solltest du auch meine Anwesenheit ertragen?“ Und erneut heilte etwas in dem Piloten, denn er war viele Jahre lang ausgelacht worden für Bilder von besonders beeindruckenden Wolkenformationen oder geradezu magischen Lichtspielen, die er von Erkundungsflügen mitgebracht hatte. Ja, er hatte die Macht der Natur und ihrer Geschöpfe immer wieder gespürt und auch, was die Menschen in Wahrheit waren. Daher hatte er so manche Bombe „verloren“ wo sie keinen Schaden anrichten konnte und Gegner in der Luft nur zum Abdrehen gezwungen aber nie abgeschossen.

„Wir müssen essen,“ entschied Alera, „schließlich sind wir auf der Erde und haben irdische Bedürfnisse.“ Kaum war das Frühstück zubereitet, klopfte es an der Tür. Aleras Augen wurden hart. „Es kommt jemand, der dringend das Gastrecht erlernen möchte!“ sagte sie in einem Tonfall, der dem Piloten einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Er ging zur Tür und vor im stand sein Kommandant! Er wolle sich nach dem Befinden des Piloten erkundigen, so sagte er. Der Pilot bat ihn herein. Alera drehte sich zu dem Mann um, der zu ihr aufsehen musste. Als Aleras Blick in traf, ging er einige Schritte rückwärts denn er glaubte, zu verbrennen. „Wer ist das?“ stotterte und sah vorsichtig hinter sie zur Tür. „Ich,“ erwiderte die Dise, und ihre Altstimme erfüllte den ganzen Raum, „bin die Nichte des Hausherren. Und du bist der, der die Schwelle die du übertrittst ehren wird!“ Einen Moment sträubte sich der Kommandant. Er? Ein hoch dekorierter Offizier sollte sich von einer jungen Göre sagen lassen, was er zu tun hätte?! Niemals! Alera, die seine Gedanken gelesen hatte, lächelte still. „Weißt du denn nicht, dass es dir weniger zur Ehre gereicht was du tatest als was du bist? Warum du deine Taten vollbrachtest, das zählt. Und du ließest dich auf deinen Platz in der Armee kommandieren, nicht wahr? All deine Auszeichnung trägst du für blinden Gehorsam und das Aufgeben jeglichen eigenen Willens. Nennst du das ehrenvoll?“ „So etwas muss ich mir sagen lassen von einer..“, rief der Kommandant. „Einer..was?“, zischte Alera drohend und ging auf ihn zu, „einer Göre? Wer dem Haus das im Gastfreundschaft entbietet nicht Respekt erweist, dem brenne jeder Bissen und jeder Schluck entsetzlich im Gedärm!“ Alera verließ den Raum und der Kommandant atmete sichtlich auf.

„Darf ich?“, fragte er und steckte sich, ohne auf die Antwort zu warten ein Stück frischen Blaubeerkuchen in den Mund, den Alera gebacken hatte. „Man sollte nichts verkommen lassen, oder?“ lachte er höhnisch. Er setzte sich an den Tisch und ließ es sich schmecken. Der Pilot schluckte mühsam seinen Ärger herunter denn er kannte das Gastrecht und Alera hatte ihm das beleidigende Verhalten dieses Kommandanten erst richtig vor Augen geführt. Plötzlich hörte er Aleras Stimme in seinem Kopf: „Lass ihn nur! Die Freude währt kurz aber die Lektion wird er sich merken!“ Der Pilot setzte sich und aß ebenfalls. Er musste lächeln, denn Aleras Kuchen erinnerte ihn an die herrlichen Blaubeermuffins, die sein Opa immer gebacken hatte. Er hörte dem Geschwatze des Kommandanten kaum zu. Er war vermutlich nur gekommen, um irgendetwas zu finden, dass er weiter tratschen konnte. Nun, so dachte der Pilot bei sich, seine Debatte mit Alera wird er vermutlich für sich behalten. Schallendes, melodisches Lachen in seinem Kopf ertönte und er hörte die Antwort: „Es wird vermutlich das einzige sein, was er bei sich behält.“ In den nächsten Stunden erlebte der Kommandant was es bedeutet, den Zorn einer Dise auf sich zu ziehen. Alera sollte recht behalten, die Lektion war nachhaltig.

Am nächsten Morgen bat Alera, dass man dem Kommandanten einen Gegenbesuch abstatte. Der Pilot hätte lieber das Flussmonster besucht als diesen Kerl, denn er hatte ihm damals die Frau weggenommen, doch er stimmte zu. Sie gingen zu seinem Haus und der Kommandant lag sehr krank im Bett. Alera begrüßte die aufgelöste Hausherrin gelassen und erwiderte auf ihre Tiraden, sie, Alera, habe ihren Mann vergiftet schlicht: „Dein Mann ist der, der neben mir steht. Und vergiftet wurde dein Galan von seiner eigenen Boshaftigkeit. Lass mich zu ihm wenn du willst, das er jemals wieder essen kann!“ Schweigend ging die Hausherrin aus dem Weg. Vermutlich hätte die Dise sich sonst selbst Platz verschafft und eine Ahnung sagte der Gastgeberin wider Willen, dass sie diese Erfahrung lieber nicht machen wollte.

Alera betrat das Schlafzimmer, in dem sich der Kommandant in Krämpfen wand. Sie setzte sich an sein Bett und legte ihre kühle Hand auf seine glühende Stirn. „Nein,“ beantwortete sie den stummen Blick, „ich bin kein Fiebertraum. Boshaftigkeit kocht im Gedärm, das weißt du jetzt, nicht wahr?“ Der Kommandant nickte stumm. „Nun,“ befand Alera, „da du genug an deiner eigenen Verderbtheit gelitten hast, will ich dich heilen.“ Sie griff in ihren Topf und reichte ihm einige Tropfen Kräutertrank. „Es schmeckt nicht gut“, warnte sie „In Branntwein gelöster Wermut. Aber es wird dich sofort von deinen Qualen erlösen.“ Der Kommandant nickte und schluckte gehorsam den bitteren Trank.

Wenig später kam er, Alera hinter sich, die Treppen herunter. Er war gesund und Alera beantwortete die fragenden Blicke mit einem geheimnisvollen Lächeln. Die Ex-Frau des Piloten und der Pilot hatten sich inzwischen unterhalten und gingen hinaus auf die Veranda, um das Gespräch fortzusetzen. Alera setzte sich zu dem Kommandanten und forderte ihn auf, zu erzählen. „Was soll ich erzählen?“ , fragte der Kommandant etwas hilflos. „Nun, was dich werden ließ, was du bist,“ schlug Alera vor. „Ihr Menschen werdet nicht verderbt geboren. Ich heilte dich und nun will ich erfahren, von welcher Krankheit du genesen bist“ Der Kommandant verstand und erfüllte die Forderung er Dise. Erneut entstanden leuchtende Kristalle, die Alera sorgfältig in ihrem Topf verwahrte. …

Unsere Freundin aus der anderen Welt sollte noch so manches Abenteuer bestehen. Ob sie schließlich nach Asgard zurück kehren wird? Kommt morgen wieder, dann sollt Ihr es erfahren.

Bildquelle: eigenes

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