Der irdene Krug 1

Der irdene Krug 1

Wie jedes Jahr richtete Alera, die Kammerfrau der Hohen Jägerin Holda, alles her für die Wilde Jagd. Ihre Herrin benötigte nicht viel für die Reisen nach Midgard, doch die Dinge die sie mit sich nahm, waren von äußerster Wichtigkeit. In verschiedenen Säckchen bewahrte sie Kräuter und allerlei mehr auf, die die Herrin unterwegs brauchen würde. Alles packte Alera sorgfältig in einen irdenen Krug. Sie selbst hatte diesen Krug geformt und sorgsam verziert.

Alle Menschen auf der Erde wussten, dass jeder der die Wilde Jagd sah, entweder verrückt wurde oder mit ihnen ziehen musste für ein Jahr. Doch auch für die Jäger gab es einiges zu beachten. So konnten die Pferde nur bei Nacht und auch nur in einer Rauhnacht fliegen. Und wenn ein Mitglied der Jagdgesellschaft nach Tagesanbruch von einem Menschen gesehen wurde, so musste der Jäger oder die Jägerin für ein Jahr, bis die Raunächte wieder kehrten, auf der Erde bleiben. Es gab einige Orte auf der Erde, an denen die Jäger rasteten. In den Wüsten, einsamen Wäldern oder auch im ewigen Eis, wo nie ein Mensch sie finden würde, machten die Jäger daher Rast und erwarteten die Nacht.

Alera war eine furchtlose Reiterin. So manches Mal hatte sie ihre Herrin zum Wettkampf gefordert und auch besiegt. Eine der goldenen Nadeln in ihrem kastanienbraunen Haar war so ein Siegespreis gewesen. Auch mit den Jägern hatte sie sich so manchen Wettkampf geliefert. Im Schießen mit dem Bogen konnte sie sich mit jedem Mann messen. Holda liebte ihre ungestüme, mutige und pflichtbewusste Kammerfrau wie eine Schwester. Soweit sich Holda zurück erinnern konnte, war es erst ein- oder zweimal vorgekommen, dass jemand zurück gelassen werden musste. Sie seufzte denn wie jedes Jahr war sie auch diesmal etwas besorgt um ihre Kammerfrau, die oft allzu tollkühn ritt und so manche Situation mutig aber nur mit knapper Not gemeistert hatte. Nun, so dachte die Schöne, es war immer gut gegangen und das würde es sicher dieses Mal auch wieder tun.

Die Raunächte verstrichen und alles war eigentlich wie immer. Nur, dass die Gaben immer karger wurden. Immer mehr Häuser, und noch mehr Herzen waren den Himmlischen Jägern verschlossen. In der letzten Raunacht sammelte sich die Jagdgesellschaft für die letzte Fahrt über Midgard. Alle waren da. Während der letzten hundert Jahre hatten die Menschen merkwürdige Dinge gebaut, die flogen und einen furchtbaren Lärm machten. Die Jagdgesellschaft musste diesen fliegenden Ungeheuern aus Stahl immer wieder ausweichen. In dieser Nacht jedoch, sollte es anders kommen.

Die Jäger zogen gerade über das Große Meer und folgten einer lang gezogenen Küste. Holda war ans Ende der Jagdgesellschaft geritten um die Jäger zusammen zu halten. Da tauchte hinter der schönen Göttin plötzlich sein solches fliegendes Ungeheuer auf! Es verfolgte die Göttin, die in rasendem Galopp Mühe hatte vor dem Ungeheuer zu fliehen. Alera riss das Schwert aus dem Gürtel und eilte der Herrin zu Hilfe. Sie griff das Ungeheuer an, dass von ihren Schwerthieben zwar nicht verwundet, doch aber verwirrt wurde, und von der Göttin ab ließ. Holda war unverletzt und auch Alera ging es gut. Sie sahen schon die Regenbogenbrücke Bifröst und wollten nach Asgard zurück kehren, als Alera bemerkte, dass sie den irdenen Krug verloren hatte! „Herrin!“ rief sie gegen den heulenden Wind. „Ich habe den Krug verloren und werde ihn suchen!“ „Nein, Alera“; rief die Schöne zurück, „siehst du nicht? Es dämmert schon!“ Alera holte auf und rief der Göttin zu: „Ich weiß, doch ist es wider das Gebot des Walvaters, dass irgend etwas nach den heiligen Nächten von uns auf der Erde bleibt.“ Ehe Holda ihre Kammerfrau aufhalten konnte, war die schon umgekehrt und ritt in Richtung der Stelle, an der sie mit diesem Ungeheuer gekämpft hatte.

Auf dem Fliegerhorst herrschte helle Aufregung. Einer der Piloten hatte eine Notlandung wagen müssen, denn sein Jet war schwer beschädigt. Die Tragflächen wiesen tiefe Kerben auf und auch die Kanzel des Cockpits war schwer beschädigt. Am schlimmsten sorgte aber der Pilot für Besorgnis, denn er berichtete, eine Frau auf einem fliegenden Pferd habe den Jet mit einem Schwert angegriffen, nachdem er eine andere Frau auf einem fliegenden Pferd verfolgt hatte, um ein Foto von ihr zu machen! Der Pilot war nicht mehr der Jüngste. Viele Kampfeinsätze hatten Spuren an seinem Körper und auch in seiner Seele hinterlassen. Man glaubte, er sei nun endgültig verrückt, und entzog ihm sofort die Flugerlaubnis. Fluchend machte er sich auf den Heimweg.

Während der Kampfpilot noch schimpfend und fluchend nach Hause fuhr, suchte Alera, ihren treuen Hengst am Zügel, sorgfältig eine große Wiese ab. Irgendwo hier musste der Topf gelandet sein. Es half nichts, sie würde warten müssen, bis es hell war. So setzte sie sich ins Gras und beobachtete den Sonnenaufgang. Als die Wiese von der Wintersonne überstrahlt wurde sah sie, nicht weit von ihr, den vermissten Topf. Sie freute sich, dass nichts kaputt gegangen war und verbarg den Topf unter ihrem Schultertuch. Sie kraulte die Wangen ihres Pferdes, dass seine Nase sanft an ihre Brust drückte. „Den Topf habe ich, aber nun sind wir für ein Jahr hier gefangen.“ Der Hengst schnaubte leise. „Keine Sorge, mein Freund, wir werden das schaffen.“

Die beiden gingen zur Straße und folgen ihr. Alera saß auf und nach etwa einer Stunde sahen sie ein großes Gehöft vor sich. Alera atmete auf, denn sie fühlte Schwäche in ihren Gliedern und Brennen im Hals. Sie ritt geradewegs auf das große Haus zu, dessen Tür sich öffnete. Heraus kam ein Mann, der mit einem Gewehr auf die junge Frau zielte. Die richtete sich stolz im Sattel auf und rief: „Hältst du es für angemessen, deinen Eisenstock auf mich zu richten? Ich bin Alera, die Kammerfrau der Hohen Göttin Holda. Und du bist ein ungehobelter Flegel, der offenbar nicht einmal das Gastrecht heilig hält!“ Der Mann stand mit offenem Mund da, die Waffe immer noch auf die Fremde gerichtet. Ob nun eine Frau auf einem Pferd oder die Worte dieser Frau auf dem Pferd ihn mehr erstaunten, wusste er nicht zu sagen. „Ich werde das göttliche Gesetz nicht brechen, doch wenn du deinen Stock nicht wegnimmst, werfe ich den Dolch!“ Der Blick aus den veilchenblauen Augen schien den armen Mann fast an die Tür zu nageln und so ließ er das Gewehr sinken.

„Entschuldige bitte, es war eine harte Nacht,“ stotterte der Mann. Die Frau vor ihm mochte vielleicht 18 Jahre alt sein, doch sie flößte so viel Ehrfurcht ein, dass er sich fast vorkam als stünde er vor einer dieser, wie hießen die Wesen noch von denen seine Großmutter immer erzählt hatte…? Ja richtig, Disen! Alera wandte sich überrascht um: „Du weißt, wer ich bin?“ Der Mann begann nun, heftig zu zittern. Er griff halt suchend hinter sich und Alera sprang herbei, um ihn zu stützen. Sie half ihm, sich auf die Treppe zu setzen. Ohne zu überlegen griff sie in ihren Topf und gab ihm ein paar Tropfen Kräutersaft, die dafür sorgten, dass die Farbe wieder in das Gesicht des Mannes zurückkehrte. Sie kniff die Augen zusammen: „Ich habe dich schon einmal gesehen. Ja! Du warst in diesem lärmenden Ungeheuer, das meine Herrin gejagt hat!“ Der Pilot rief: „Also bin ich doch nicht verrückt! Ich habe euch gesehen!“ Im nächsten Moment hatte er Aleras Dolch am Hals. Sie zischte: „Was wolltest du meiner Herrin antun? WAS??“ Sie riss an seinem Haar. Der Mann war entsetzt über die Kraft, er hatte das Gefühl sein Kopf stecke in einem Schraubstock. „Nichts,“ ächzte er „ich schwöre ich wollte deiner Herrin nichts tun. Nur ein Bild wollte ich.“ „Ein Bild?“, fragte Alera und lockerte ihren Griff. Der Pilot nickte….

Was Alera in ihrem Jahr auf der Erde erlebt hat? Und wie es dem Piloten erging, der die Wilde Jagd getroffen hat? Nun, das Feuer ist fast nieder gebrannt und wenn es morgen wieder aufflammt, will ich Euch erzählen von der Wanderung der beiden.

Bildquelle: music4life/pixabay.com

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