Wenn sich die Jahre treffen

Wenn sich die Jahre treffen

Im Jahresdorf, Königreich Zeit, herrschte große Aufregung. Nun würde bald der Wanderer wieder kommen und ein neues, junges Jahr zur Erde reisen. Das Jahr, das endlich gehen durfte, konnte sich nur mühsam beherrschen. Es wollte schon so lange Wanderer sein und jetzt endlich war es gewählt worden! Es trat vor die Ältesten und hatte Mühe, ihnen zuzuhören. Wie war das noch? Ach ja. Es durfte aus dem Ewigkeitsmeer eine genau bemessene Menge mitnehmen. Die Hälfte davon durfte es trinken, die andere Hälfte sollte es über die Erde und die Menschen tropfen lassen. Aus der Welt durfte es Erinnerungen mitbringen. Dafür erhielt es einen Korb, in dem es alles sammeln durfte.

Auf dem Weg zum Tunnel, der es in die Erdenwelt bringen sollte, kam es an einer Wiese vorbei. Hier waren verschiedene Steinhaufen aufgeschichtet. Das Jahr kannte sie gut, denn es hatte hier schon oft mit anderen kleinen Jahren gespielt. Eigentlich durfte es ja nichts mit nehmen außer der Füllung seines Kruges aus dem Ewigkeitsmeer. Doch als es an dem Steinhaufen vorbei kam, in dem die Hoffnungssteine lagen, steckte es sich schnell seine Taschen damit voll. Es freute sich so auf die Erde und wollte ihren Bewohnern mehr mitbringen, als nur Zeit.

Der Tunnel lag nun gleich vor ihm. Bunte Dampfschwaden wogten darin, die Wände fluoreszierten in vielen Farben und immer wieder wanderten geheimnisvolle Muster vorwärts und rückwärts durch den Tunnel. Fasziniert blieb das junge Jahr einen Moment stehen und beobachtete das Schauspiel. Es betrat schließlich den Tunnel und jeder seiner Schritte erzeugte einen leisten klingenden Ton. Bald hörte es, dass noch ein zweiter Ton hörbar wurde. In der Mitte des Tunnels, da wo der Stern der Ewigkeit leuchtete, traf es das alte Jahr. Es war gebeugt und trug schwer an seinem Korb, doch lächelte es freundlich, als es seine Ablösung kommen sah. Das junge Jahr näherte sich schüchtern und betrachtete das alte Jahr mit Neugier.

„Komm, junger Freund, setzen wir uns für eine Weile,“ lud das alte Jahr freundlich ein. Das junge erwiderte: „Aber komme ich dann nicht zu spät?“ Das alte Jahr schüttelte mit einem milden Lächeln den Kopf und wies auf den Stern der Ewigkeit. „Hier,“ sprach es „gibt es keine Zeit. Wir sind buchstäblich zwischen den Jahren, verstehst du?“ Das junge Jahr nickte. Als es sich neben das alte gesetzt hatte, lugte es neugierig in den Korb. Er war randvoll. Glänzende Dinge waren darin aber auch Altes und Staubiges. Große Objekte und solche die so klein waren, dass das junge Jahr sie kaum sehen konnte. Das alte Jahr beobachtete das junge eine Weile und sagte schließlich: „Es gibt nicht nur Schönes auf der Erdenwelt. Auch Trauriges, Erschreckendes oder Erzürnendes wird erinnert, weißt du? Manche dieser Dinge werden sich verwandeln.“ Das junge sah das alte mit großen Augen an: „Wirklich? Glitzerndes kann alt und schäbig werden und umgekehrt?“ Das alte Jahr nickte. „Die Dinge sind immer so, wie sie betrachtet werden. All die Erinnerungen, die die Menschen mit mir geteilt haben, gehören natürlich immer noch ihnen und so ändern sie sich je nachdem, wie sie sie betrachten.“

Das junge Jahr wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte es: „Du altes Jahr? Was sind eigentlich Menschen? Ich meine, wir wandern schließlich nur wegen ihnen auf die Erde.“ Das alte Jahr lehnte sich zurück und wärmte sich die Füße am Feuer des Ewigkeitssterns. Nach einer Weile begann es: „Menschen, mein liebes kleines, sind ewige Geschöpfe. Kinder von Mutter Ewigkeit und Vater Raum. Sie sind große Forscher und sehr neugierig, noch mehr als wir. Also beschlossen sie, für eine Weile zu vergessen , wer sie sind. Mutter Erde, die die Menschen sehr liebte bot an, ihnen den Raum zu geben um eine Erfahrung zu machen. Die nämlich der scheinbaren Begrenztheit und der scheinbaren Endlichkeit.“ „aber es endet doch nichts auf Mutter Erde! Sie ist die große Verwandlerin“, warf das junge Jahr ein. Das alte Jahr nickte mit einem milden Lächeln. „Wohl war, mein kleines, du hast gut gelernt. Es endet nichts in Mutter Erdes Umarmung, die Dinge wandeln sich. Diese Wandlung jedoch erzeugt in den Menschen, Wesen der Ewigkeit und Gleichmäßigkeit, den Eindruck, etwas würde in der Tat enden. So lernten sie, was Verlust bedeutet und dass er eine Illusion ist ebenso, wie Besitz oder auch Trennung.“ Die Augen des jungen Jahres wurden immer größer. „Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“ fragte das alte Jahr. Das junge nickte mit angehaltenem Atem. Es neigte sich zum jungen Jahr und flüsterte in sein Ohr: „Menschen sind die einzigen Wesen, denen die Fähigkeit zum Wandel und doch Bestand gegeben ist. Und ihnen ist die Macht gegeben, die Richtung des Wandels und was sie beständig halten wollen, zu bestimmen. Sie müssen sie entfalten, verstehst du? Ebenso, wie sie Zeit machen, können sie alles Mögliche auch aus der Zeit heraus heben, denn sie selbst sind ja auch ewig. Wenn sie dereinst ihre Reise auf der Erde beendet haben werden, wird das das große Geschenk sein, welches sie dem Kosmos bringen. Eine neue Runde der Entwicklung für alles Seiende wird beginnen. Und wir? Wir haben die Aufgabe, ihnen dabei zu helfen, sie zu begleiten und ihnen die Möglichkeiten zu bringen, die sie dafür brauchen.“ Das junge Jahr schluckte. Nun verstand es, warum es so ungeduldig gewartet hatte, und warum es für alle Bewohner im Jahresdorf die höchste Ehre war, auf die Erde wandern zu dürfen.

Nach einer Weile fragte es: „Warum dürfen wir den Menschen nichts mitbringen außer einem Krug voll Ewigkeit?“ Das alte Jahr lächelte und antwortete: „Diesen Krug Ewigkeit, den nennen die Menschen „Zeit“. Eigentlich, mein kleines, gibt es Zeit als Begrenztes gar nicht. Sie unterteilen den Krug voll Ewigkeit und zählen die Krüge sorgfältig, die wir bringen. Auf diese Weise bilden sie Verknüpfungen mit den Dingen, die sie erleben und verknüpfen diese auch untereinander. Sie nennen das „Wissen“ oder auch „Erfahrung“. Diese beiden sind etwas äußerst interessantes, sie erscheinen nämlich als absolut und wandeln sich doch ständig. Anhand dieses Wissens und der Erfahrung können die Menschen, und wir übrigens auch, beobachten wie sie sich entwickeln. Alles andere tragen die Menschen in sich selbst und müssen es erst finden.“

Das junge Jahr senkte beschämt den Kopf. Es hatte also heimlich Hoffnung stibitzt um sie den Menschen zu schenken, obwohl sie die schon hatten? „Was hast du in deinen Taschen?“, wollte das alte Jahr wissen. Das kleine Jahr errötete und flüsterte: „Hoffnung, ich habe die Taschen voller Hoffnung.“ Das alte Jahr legte dem Arm um seinen jungen Verwandten und wisperte: „Ich habe ihnen Geduld mit gebracht, als ich meine Reise antrat.“ Das junge Jahr sah auf: „Und? Hat es geholfen?“ Das alte Jahr seufzte: „Manchen schon. Anderen nicht. Weißt du, wir dürfen ihnen diese Dinge nur zu werfen. Fangen müssen die Menschen selbst, oder es aufheben, wenn es herunter gefallen ist.“ Das junge Jahr nickte nachdenklich.

Das alte Jahr wurde sehr müde von der Reise, es nickte immer wieder ein und das junge wurde immer ungeduldiger. Schließlich nahmen die beiden voneinander Abschied. Das alte kehrte ins Dorf zurück, um sich auszuruhen und die Jungen zu lehren, das Junge hingegen wanderte durch den schimmernden Tunnel und freute sich, als die Menschen es mit Jubelrufen und Feuerwerk begrüßten. Heimlich löste es seine Hoffnungssteine in seinem Krug auf und trat die Reise über die Welt an. Überall vergoss es Ewigkeitstropfen, die mit Hoffnung gewürzt waren. Was es wohl zu erzählen haben würde, wenn es in 364 Tagen zurück kam? Welche Erinnerungen in seinem Korb landen würden? Das junge Jahr war sehr aufgeregt und fand noch ein Häppchen Geduld in den Spuren des alten. Es nahm sie dankbar und begann seine Wanderung mit den Menschen über die Erde und durch das Leben..

Euch meine Lieben wünschen ich, dass das junge Jahr, welches mit dem Sonnenlauf schon über die Erde zu wandern begonnen hat und auch uns bald erreichen wird, vor allem anderen Chancen bringt. Und dass Ihr die Hoffnung behaltet, sie in den Ewigkeitströpfchen, die wir Minuten, Stunden, Tage nennen, findet. Wer weiß vielleicht schaut jenes Jahr, das nun zu uns kommt in einem Jahr hier vorbei und erzählt, möge es dann mehr Schönes als Trauriges zu berichten wissen. Kommt gut über diese magische Mitternacht und der erste Morgen des neuen Jahres sei einer von vielen, an denen ihr voller Hoffnung aufwacht und freudig in den Tag geht.

Bildquelle: TenebrisCilva/pixabay.com

2 Gedanken zu „Wenn sich die Jahre treffen

  1. Danke, liebe Katharina! 🙏
    Das ist wahrlich ein sehr schönes Gespräch, welchem wir hier lauschen können!
    Ich wünsche dir und all deinen Lieben, ein hoffungsvolles und reich gesegnetes Neues Jahr! 🤗🍀💫
    Alles LIEBE,
    Elke

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