Ein Jäger erzählt….

Ein Jäger erzählt….

Obwohl es eine der Raunächte war, wollte ich mir einen Spaziergang unter dem herrlichen Sternenhimmel nicht entgehen lassen. Ich wanderte also in tiefer Nacht zu meinem Lieblingsplatz im Weinberg. In Einsamkeit und Stille genoss ich die herrliche Nacht. Im nahen Steinbruch hörte man Tiere hin und her huschen. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Pferd schnauben. Hufeisen schlugen mit hellem Klang auf die Steine. Ich saß ganz still und schaute auf den Boden, wie ich es gelernt hatte. Die Geräusche kamen dennoch näher. Schließlich fragte mich jemand: „Darf ich eine Weile hier rasten? Einen schönen Platz hast du gewählt.“ Ich nickte, ohne ein Wort zu sagen. Jemand setzte sich neben mich. „Wenn ein Jäger sich dir nähert, darfst du ihn ruhig ansehen und mit ihm sprechen.“ hörte ich mit leisem Lachen. Also sah ich hoch. Neben mir saß ein Mann von unbestimmbarem Alter. Ein großer Hund legte sich zu seinen Füßen und ein Pferd zupfte in der Nähe das Moos von einem Stein.

„Du bist gar nicht überrascht,“ fragte er erstaunt. Ich antwortete: „Nun ich weiß, dass es eine Raunacht ist und ihr unterwegs seid.“ Der Jäger hob eine Augenbraue. „Wenig bekannt sind wir in diesen Tagen, aber beruhigend ist es, dass wir nicht ganz vergessen sind.“ Eine Weile schwiegen wir und der Jäger entfachte ein kleines Feuer. Ich beobachtete ihn dabei verwundert. Er wandte sich mit zu und meinte augenzwinkernd: „Geschichten werden doch immer am Feuer erzählt, oder nicht?“ Ich lächelte und entspannte mich ein bisschen.

„Weißt du,“ begann er, „früher, da waren wir hoch geachtet. Die Menschen wussten um unser Kommen, stellten kleine Gaben für uns bereit. So mancher vertraute uns seine Sorgen an, damit wir sie vielleicht einfach mit nähmen oder zumindest einen Rat da ließen. Wir waren geachtete, gefürchtete und ersehnte Gäste. Man hörte uns, und eine jede Seele, die die Wilde Jagd hörte, erbebte. Mittlerweile hört ihr euch nicht einmal mehr gegenseitig. In eurer ach so kontrollierten, erforschten, bequemen und vorhersehbaren Welt ist einfach kein Platz mehr für uns. Aber wir sind immer noch da. Und die Kraft, die wir repräsentieren ist ebenfalls immer noch da. Wenn sie sich offenbart, in Winterstürmen oder einem Hochwasser, seid ihr entsetzt, oder doch eher beleidigt. Weil die Natur es wagt, sich euch zu widersetzen. Und wenn sie euch in der Stille der Nacht berührt, die Kraft, dann tut ihr euer Möglichstes, sie zu ignorieren. Wenn alles andere versagt, setzt ihr euch Mützen auf, die Lärm machen oder sucht merkwürdige Zerstreuungen.“ Er machte einen Moment Pause. Ja, er hatte Recht. Ich wurde traurig, denn ebenso richtig war sicher auch, dass wir uns nur allzu oft nach jenem Zauber, dem Hauch des Größeren, Unfassbaren sehnten.

„Wahr und richtig,“ antwortete der Jäger auf meine Gedanken. „Und es ist ja auch immer noch da. Ihr habt nur verlernt, es zu sehen. Ihr glaubt, Dinge die ihr erklären könnt, sind nicht mehr heilig oder magisch. Und ihr glaubt, dass zwischen allem Erklärbaren das Schimmern des Zauberhaften verschwinden muss. Doch das ist nicht so. Es könnte auch genau umgekehrt sein. Je mehr ihr versteht, umso heiliger und magischer könnte sie sein, die Welt. Vielleicht kommt das irgendwann. Weißt du, ihr Menschen seid ein seltsames Volk. Was ihr habt, müsst ihr erst einmal von euch werfen. Ihr müsst es verzweifelt vermissen, die Not leiden, die entsteht, wenn ihr es weg geworfen habt. Und dann geht ihr auf die Suche. Wenn es sein muss, viele Generationen lang. Doch ihr findet, was ihr sucht. Und erst dann schätzt ihr es. Darum habe ich großes Zutrauen, dass in eurer Radar überwachten Welt, in der ihr euch mit entsetzlichen Waffen bedroht, irgendwann auch die Wilde Jagd und ihre heilige Zeit ihren Platz finden wird. Damals, vor vielen Generationen. Mussten alle in der Zeit da wir Jäger ritten, Frieden halten. Die schwierigsten Dinge wurden verhandelt und Vereinbarungen, die in dieser Zeit getroffen wurden, waren unantastbar, denn wir Jäger waren Zeugen.

Heute gilt den meisten das Ehrenwort nichts mehr. Die Zeit der Wilden Jagd wird immerhin von vielen von euch noch zum ruhen genutzt. Doch fühlt ihr den Verlust. Alle von euch. Auf der ganzen Welt. Und das Blatt wird sich schon bald wieder wenden. Ihr werdet verstehen, dass ihr ein Volk seid, egal welche Farbe eure Haut hat, euer Blut ist immer rot. Egal in welcher Sprache ihr sprecht, eure Herzen schlagen in ähnlichem Takt. Einige wenige, die die Gewinn davon haben euch zu entzweien, halten euch noch ab von dieser Erkenntnis. Doch ihre Macht schwindet und für ihr Tun und ihre Absichten werden sie bald schon den Mächten des Schicksals antworten müssen, so wie alle.“ Der Jäger schwieg. Und auch ich, denn es bewegte mich auf besondere Weise, was er gesagt hatte. Hoffnung erwachte in mir, dass eines Tages vielleicht, die Welt doch wieder in Ordnung kommen könnte.

„Das ist unsere Botschaft,“ sagte er leise nahe an meinem Ohr. „Jedes Jahr kommen wir, um mitzunehmen, was nicht länger nutzt und euch zu ermuntern, neues und besseres dafür zu schaffen. Wir lassen auch etwas da. Unseren Segen, Mut und guten Rat.“ Ich sah ihn an. Er lächelte aufmunternd. „Obwohl die Menschen sich nicht darum scheren?“ wollte ich wissen.  Er nickte und erwiderte: „Es ist nicht ganz so, dass sie sich nicht darum scheren, weißt du? Manche nehmen unsere Gabe nur unbewusst an. Andere bewahren unseren Besuch mit Schweigen, nicht zuletzt, weil sie Angst vor den anderen haben. So manches Herz ruft nach uns und entbietet uns den Gruß, wie es schon immer war. Darum kommen wir auch nach wie vor. Tun, was uns zu tun gestattet ist und lassen uns auch von verschlossenen Türen und Herzen nicht aufhalten. Als wir euch ewige Freundschaft schworen, meinten wir, was wir sagten. Es ist euch nicht vorzuwerfen, dass euer Gedächtnis so vernebelt ist. Doch ihr werdet euch wieder erinnern. Am Feuer der Freundschaft wird das Eis auf euren Seelen schließlich schmelzen.“

Tiefe Ruhe breitete sich in mir aus. Alles Gehetzte schwieg am Feuer des Jägers und ich wurde müde. Er legte den Arm um mich, und ich schlief ein. Am Morgen wachte ich in meinem Bett auf. Fast dachte ich, ich hätte geträumt als ich neben mir den Stein fand, mit dem der Jäger während unseres Gespräches gespielt hatte…

Bildquelle: eigenes

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