Der Fund auf dem Dachboden

Der Fund auf dem Dachboden

Julia hatte das Haus von ihrer Großmutter geerbt. Es war schon alt gewesen, als Oma darin gewohnt hatte und doch war es gut in Schuss. Sie lebte mit ihren Kindern nun schon fünf Jahre hier. Immer zwischen Weihnachten und dem 6 Januar jedoch, herrschte im Haus Unruhe. Merkwürdiges war zu hören und oft fand sie am nächsten Morgen eine merkwürdige Unordnung im Haus. Julia seufzte, als ihr Blick auf das Bild der Großmutter fiel. Als Julia noch klein war, liebte sie diese Zeit, die die Oma Raunächte nannte, sehr. Es waren Nächte voller Zauber und die Geräusche, die sie jetzt so ängstigten, waren damals gar nicht schlimm. Sie hatten zu Omas Geschichten gepasst, doch Julia fand, dass sie mit Mitte dreißig ein wenig zu alt für Kindergeschichten war.
Oma hatte immer gesagt, das sei die Wilde Jagd, angeführt von Odin, der mit der Familie befreundet war so lange Oma denken konnte. Man musste ihm nur eine kleine Freude machen, dann war er ein freundlicher Besucher. Tat man das aber nicht, lärmte und polterte er und rief seine Jäger nicht zur Ordnung die sich aufführten wie, nun ja, die Wilde Jagd. Im Silvesterfeuerwerk hatten mehrere Raketen das Dach von Julias Haus getroffen. Sie ging also hinauf auf den Dachboden um zu sehen, ob es Schäden gegeben hatte.
Nein, der Dachstuhl war in Ordnung. Nur ein Fenster war etwas verkohlt. Als sie es öffnete um den Schaden genauer zu besehen, fuhr ein Windstoß in den Dachboden. In einem halb verborgenen Winkel flatterten alte Papiere durcheinander. Julia ging hin, um wieder aufzuräumen. Dabei erkannte sie die feine, zierliche Handschrift ihrer Großmutter. Julia seufzte. Oma hatte wunderbare Gedichte geschrieben. Doch irgendwann hatte es zwischen Vater und Oma Streit gegeben und Vater hatte Julia verboten, Oma zu besuchen. Julia tat es trotzdem bis Oma sie bat, dies zu lassen, damit Julia nicht auch noch Schwierigkeiten bekam. Julia hatte sehr geweint an diesem Tag doch Oma versprach ihr, immer bei ihr zu sein und ihr einen Gruß auf dieser Welt zu lassen. Julia begann, die Blätter durchzusehen. Es waren lauter Briefe an sie! Julia setzte sich auf den Boden und brach in Tränen aus. Oma hatte Wort gehalten!
Sie las, bis es dämmerig wurde. Einen Moment nickte sie ein und erwachte von einem gewaltigen Lärm. Sie war starr vor Angst, denn vor sich sah sie einen hochgewachsenen menschlichen Schatten. Sie fühlte, dass dieser Mann sie ansah. „Julia?“ fragte eine tiefe Stimme. Julia schluckte. „Ich weiß, dass du dort sitzt, ich höre deinen Herzschlag. Darf ich Licht machen?“ Julia nickte. Ein sanfter goldener Schimmer erglühte um sie herum. Der Mann mit dem grauen Bart und dem weiten Mantel beugte sich etwas vor und lächelte. „Groß bist du geworden, seit wir uns das letzte Mal sahen. Und hübsch. War das Leben freundlich zu dir?“ Julia senkte den Blick. Freundlich war etwas übertrieben. Ihr Mann hatte sie betrogen und bestohlen, bis sie ihn schließlich hinaus warf. Er hatte darauf hin dafür gesorgt, dass sie, Julia, den Job im Betrieb der Schwiegereltern verlor. Julia machte sich selbstständig und arbeitete hart. Sie hatte viel zu kämpfen gehabt, doch sie hatte es geschafft. Allen Widrigkeiten zum Trotz war sie sich treu geblieben und nun war sie erfolgreich in ihrem Beruf und konnte ihren beiden Jungs eine gute und sichere Zukunft bieten.
Sie holte Luft, um die Frage ihres unheimlichen Besuchers zu beantworten doch der legte sanft die Hand auf ihren Kopf und sprach: „Ich habe deine Erinnerungen gesehen. Weißt du, ich habe mich immer gefreut hierher zu kommen. Von deinen Geschwistern warst du die einzige, die immer auf meinen Schoß geklettert ist. Du hast mich sogar am Bart gezogen!“ Julia errötete, doch der Walvater lachte. „Ich habe deiner Oma damals schon gesagt, das du deinen Weg gehen wirst. Mutig und klug, stark und eigenständig, wie du bist. Weißt du noch? Damals habe ich dich immer ins Bett gebracht. So schlaf nun und träume, kleine Julia.“ Eine fast kindliche Geborgenheit durchdrang die junge Frau bei diesen Worten sie schlief ein. Am nächsten Tag erwachte sie in ihrem Bett, neben sich eines der Gedichte der Oma. Da stand:

Einäugiger Wanderer, Du streifst durch die Welten.
Im Sternenglanz Deines Blickes kann keine Lüge mehr gelten.
Du rangst und besiegtest Dich selbst am Heiligen Baum, gabst alles, was vergänglich war hin und schafftest dem Ewigen Raum.
Ein Mysterium schenkst Du den Weisen und einen Weg.
Doch der ist einsam, niemand kann weisen Richtung noch Steg.
Die aber, die wandern wie Du, sie versetzt Du in Aufruhr, erschütterst sie und schenkst ihnen Ruh‘
„Nur wer sich opfert, kann sich gewinnen, wenn Wahrhaftes sein soll, muss Trug und Täuschung verrinnen.“
So lautet Dein Ruf im Menschengeist, wer ihm folgt bis zum Ziel ist sehr weit gereist.
Er beginnt mit dem, was er glaubt zu sein, am Ende findet er sich wieder, nicht groß, nicht klein.
„Ich bin, wer ich bin!“ sprechen die, die dem Ruf folgen.
Sie forschen, sie scheitern, sie siegen und stolpern.
Doch einmal am Ziel angelangt, finden sie die Antwort, nach der es sie so sehr verlangt.
Der Narr und der Weise, sie lächeln sich an. Wer ist nun wer im Lebensgang?
„Ich bin er und er ist ich! Absolut alles ist eine Frage der Sicht.“
Und Walvater?
Er lächelt still und wandert weiter.
Wenn er an Deine Tür klopft, grüße ihn heiter.
Mächtig ist er, doch ohne Zwang, lausche dem Lied, welches er für Dich sang.
Du wirst es nie mehr vergessen, denn sein Blick durchstrahlt alles was ruft allzu vermessen:
„Ich bin wahr, glaube mir doch!“ „Alles was ruft, sucht die Stille noch.“
So klingt des Hohen Weisen flüsterndes Wort.
Fühlst Du sein Lächeln in Deines Geistes Hort?

Julia lächelte als sie dieses Gedicht gelesen hatte. Sie brachte es zu Omas Bild und ab diesem Abend stellte sie mit den Jungs jeden Abend ein wenig Brot, Honig und Milch ans Fenster während der Raunächte. Von nun blieb es ruhig, nun ja, meistens. Die Jäger bemühten sich sehr, niemanden zu wecken. Doch die Jungs behaupteten, einige von ihnen wären tolle Basketballspieler. So manchen guten Rat ließen die Jäger da und in einem Jahr waren sie es, die den Älteren der Jungs zur Ordnung riefen, da er drohte, durch schlechte Freunde auf die schiefe Bahn zu geraten.
Sie erzählte auch ihren Brüdern und der Schwester von der Wilden Jagd, die jedes Jahr zu Besuch kam. Sie schüttelten den Kopf und waren sich einig, das Julia zu lange dem Einfluss der verrückten Großmutter ausgesetzt gewesen sein musste. Nur gut, so tuschelten sie, dass Julia allein dieses verfluchte Haus bekommen hatte! Julia lächelte. Manches ist nun einmal wahr. Egal ob man es glaubt oder nicht. Für einen Moment schien das Foto der Oma zu lächeln und sie glaubte, Walvater zwinkern zu sehen.

 

Bildquelle: Jarmoluk/pixabay.com

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