Die Köhlerin bekommt Besuch

Die Köhlerin bekommt Besuch

Wieder ging ein Jahr voll harter Arbeit zu Ende. Die alte Köhlerin hatte am Morgen den letzten Meiler abgetragen und ihr Keller war berstend voll von Kohle. Schon sehr lange kam niemand mehr zu ihr, um ihre Kohle zu kaufen, doch was tat’s? Sie war die Köhlerin seit dem Tod ihres Mannes, von dem sie das Handwerk gelernt hatte. Gerade war sie auf dem Heimweg aus dem Dorf, wo sie letzte Wintervorräte eingekauft hatte. Sie trug schwer an den Sachen und war froh, als sie zu Hause war. Im Dorf kannte niemand die alte Frau, die jedes Jahr um die Sonnenwende kam, um einzukaufen. Niemand nahm von ihr Notiz. Die Köhlerin war damit zufrieden, denn sie dachte bei sich: „Die Zeiten werden immer schwerer und die Leute haben genug mit sich zu tun. Ich lebe allein im Wald und führe von allen wohl noch das leichteste Leben.“

Zu Hause angekommen, räumte sie die Vorräte sorgfältig weg und sah nach ihrem Wallach Waldfuchs. Der schien etwas aufgeregt obwohl es schon dunkel wurde und er um diese Zeit doch döste. Die alte Frau wunderte sich etwas, ging dann aber ins Haus, um Suppe, frisches Brot und Speck vorzubereiten. Wie jedes Jahr stellte sie Teller und Schalen voller Essen hinaus, für die Wilde Jagd. Einmal, vor vielen Jahren, hatte sie die Jäger in der Ferne gehört. Im letzten Jahr schließlich, war ein Jäger, unfreiwillig aber dennoch, bei ihr eingekehrt. Sie lächelte, als sie an den jungen Troll dachte, der so anders war als alles, was man sich über Trolle erzählte.

Das schönste Tischtuch von reinstem weiß war gerade gut genug für die Himmelsjäger. Sie breitete es auf einem Stein aus, deckte ihn mit Speisen, und suchte noch ein paar Zapfen und Steine, um die Tafel zu schmücken. Dann ging sie hinein. Sie musste wohl ein wenig eingeschlafen sein, denn plötzlich schreckte sie hoch. Draußen war ein gewaltiger Lärm! Hunde bellten, Pferde wieherten und unheimliche Stimmen riefen: „Jemand hat uns Speise gekocht! Kommt und schmaust, die Menschen sind geizig geworden!“ Wie sie es von ihrem Vater und auch ihrem Mann gelernt hatte, blieb die Köhlerin im Haus bis es laut an die Tür hämmerte. Sie hob den Kopf und wartete. Eine Stimme so tief, dass die Bodendielen vibrierten rief: „Freigiebig bist du, dass du uns speist. Und klug bist du, dass du deine Neugier bezähmst! Bleibe im Haus, bis der letzte Laut verklungen ist, dann magst du aufräumen!“ Die Köhlerin nickte stumm und wartete.

Es dauerte eine ganze Weile, bis der letzte Laut der Wilden Jagd verklungen war. Schließlich ging sie hinaus, um die Tafel abzuräumen. Nun, es sah genauso aus, wie die Geräusche hatten vermuten lassen. Die Lichtung war übersät mit zerbrochenem Geschirr und zertrümmerten Schalen. Nur drei Teller waren noch ganz. Die Köhlerin räumte alles auf und suchte auch nach kleinen Scherben, damit die Tiere des Waldes sich nicht daran verletzen. Sie wurde plötzlich sehr müde, denn es war tief in der Nacht und so legte sie sich schlafen.

Als sie am nächsten Tag an den Spülstein trat, staunte sie nicht schlecht: Alles Geschirr war wieder ganz, sauber und ordentlich aufgeschichtet! Die drei heilen Teller, die sie auf den kleinen Tisch gestellt hatte, waren dort immer noch. Die Köhlerin wollte sie aufräumen. Die Teller waren merkwürdig schwer und als sie am Kamin vorbeiging sah sie….das sie golden waren! Die Wilden Jäger hatten ihre gesamten Vorräte aufgegessen und nun wusste die Köhlerin auch, wie sie sie ersetzen konnte. Sie murmelte einen Dank und machte sich auf in das Dorf.

Beim Händler zeigte sie einen Teller vor und fragte, wie viel Geld sie dafür bekommen würde. Die Augen des verschlagenen Mannes glitzerten gierig, denn er erkannte sofort, dass diese Teller aus schwerem Gold und die alte Frau sicher leicht zu betrügen war. „Die sind nicht viel wert,“ befand er abschätzig. „Allenfalls sind sie aus Goldblech. Ich gebe dir für jeden Teller einhundert Taler.“ Für die alte Köhlerin war das mehr Geld, als sie je besessen hatte und so willigte sie ein. Der Händler warf der Köhlerin das Geldsäckchen vor die Füße und griff gierig nach einem Teller. Im nächsten Moment warf er ihn aber schreiend von sich, denn der Teller glühte! Ein heftiger Windstoß fuhr über den Markt und alle duckten sich. Nein, den Walvater wagte selbst der skrupellose Händler nicht zu betrügen also sagte er: „Ich habe gelogen, sie sind aus reinem Gold. Bist du mit tausend Talern für einen Teller einverstanden?“ Die Köhlerin nickte sprachlos. Diesmal reichte der Händler ihr den schweren Geldsack und ergriff vorsichtig den Teller. Keine Schmerzen, der Handel war gerecht.

Als die Köhlerin über den Markt ging sah sie, wie der Arzt des Dorfes gerade seinen Karren belud. Er musste gehen, denn die arme Dorfbevölkerung konnte ihn nicht bezahlen und er war nun selbst von Armut bedroht. „Arzt?“, rief die Köhlerin. Der drehte sich um. „Willst du uns verlassen?“ Der Mann seufzte. „Nein. Aber ich muss. Die wachsende Armut hier macht auch mich arm und um weiter heilen zu können, muss ich gehen.“ Die Köhlerin ging zum Arzt und sprach: „Wenn ich die fünfhundert Taler gebe und einen Teller, bleibst du dann?“ Der Arzt überlegte einen Moment. Mit den fünfhundert Talern wären seine Kosten gedeckt, aber was sollte er mit einem Teller? Schließlich lächelte er und sagte: „Mit fünfhundert Talern kann ich ein weiteres Jahr bleiben. Doch Teller habe ich immerhin genug.“ Die Köhlerin lächelte und versicherte: „Einen wie du ihn von mir bekommst, hast du sicher nicht.“ Mit diesen Worten gab sie ihm den goldenen Teller, den der Arzt mit offenem Munde annahm. In Windeseile war der Karren wieder abgeladen. Noch schneller verbreitete sich die Kunde von der Köhlerin, die alle vergessen hatten und die reich geworden war und dem Dorf den Arzt erhalten hatte.

Wie immer, wenn sie ins Dorf ging, gönnte sich die Köhlerin einen der herrlichen Eierkuchen des Bäckers. Eine schwielige Hand auf ihrer Schulter lenkte sie ab. Sie gehörte dem Dorfschmied, den sie einlud, sich zu ihr zu setzen. Sie plauderten und der Schmied traute seinen Ohren kaum als er hörte, dass die alte Frau immer noch fünf Meiler Kohle brannte, jedes Jahr. „Wie machst du das?“ Wollte der Schmied wissen. „Wie mein Mann es mich gelehrt hat“, antwortete die Köhlerin. „Die Waldkohle ist die beste. Sie sorgt für gleichmäßige Hitze. Seit dein Mann tot ist, geht es mit der Schmiede bergab. Mit schlechter Kohle kann ich nur schlechte Waren schmieden. Ich wusste nicht, dass du sein Handwerk fortsetzt.“ Die Köhlerin seufzte. „Niemand weiß das. Nachdem mein Mann gestorben ist, hat man mich einfach vergessen.“ Der Schmied schämte sich sehr und fragte schließlich, ob die Köhlerin noch Kohle habe. Da lachte die herzlich und rief: „So viel, dass ich nicht weiß wohin damit!“ Der Schmied rief: „Wunderbar! Ich habe keine mehr und möchte deine kaufen. Wie viel verlangst du?“ Die Köhlerin bat den Schmied, ihr so viel zu bezahlen, wie er das immer bei ihrem Mann getan hatte. Obwohl der Schmied ihr sagte, Kohle sei inzwischen dreimal so teuer, wollte die Köhlerin nicht mehr.

Schon am Nachmittag kamen die Söhne des Schmiedes mit Karren, die voll geladen wurden. Sie gaben der Köhlerin das Geld und erhielten ein gutes Essen, nach all der Arbeit. Von nun an kaufte der Schmied regelmäßig Kohle. Und schon bald kamen Waldarbeiter, Kinder und andere Dorfbewohner zu Besuch bei der guten Köhlerin. Ihre langen Jahre der Einsamkeit und Armut waren vorbei. Und auch das Dorf erblühte, denn die Waren des Schmieds waren bald sogar in der großen Stadt sehr begehrt.

Bildquelle: PixxlTeufel/pixabay.com

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