Der Troll und die Köhlerin

Der Troll und die Köhlerin

Die Wintersonnwende war vorbei und der junge Troll saß auf seinem Lieblingsstein. Er war sehr nachdenklich. Eigentlich müsste er sich freuen, denn er war einer der wenigen Trolle, die in der Wilden Jagd mit reiten durften. Nun ja, der Spaß hielt sich für ihn in Grenzen: Die Hunde schnappten nach ihm und er fiel immer wieder vom Pferd. Das sorgte mal für Heiterkeit, mal für Schelte in der Jagdgesellschaft. Er hatte schon eine sehr gutmütige alte Stute, Mara, die ihr Möglichstes tat, um den jungen Troll irgendwie auf ihrem Rücken zu behalten. Trotzdem blieb er immer wieder an Baumwipfeln hängen oder verlor einfach das Gleichgewicht.

Seufzend stand er auf und ging zum Stall. Er striegelte und putzte Mara sorgfältig und gab ihr besonders gutes Futter. Während er ihre Mähne kämmte sagte er: „Wir haben es jedes Jahr geschafft und schaffen es auch dieses Jahr. Ich verspreche, ich werden mich bemühen, dir keine Schande zu machen.“ Mara schnaubte leise und legte ihren Kopf an den jungen Troll. Sie hatte ihn gern, auch wenn er der schlimmste Reiter war, der einem Pferd passieren konnte. Die anderen Pferde lachten sie regelmäßig aus, aber das war Mara egal. Ihr Reiter flüsterte ihr immer wieder freundliche Worte ins Ohr, während des wilden Ritts über Midgard. Das taten die anderen nicht.

Der dritte Tag nach der Sonnwende neigte sich dem Ende, und es begann zu dämmern. Die Hunde wurden unruhig und die Rufe der Jäger immer lauter. Bald würde es los gehen. Der junge Troll sattelte Mara mit klopfendem Herzen, achtete aber dennoch genau darauf, dass die Gurte und Zaumzeug sie nicht kniffen oder drückten. Mara schnaubte zufrieden. Sie spannte ihren Bauch an, denn gleicht würde der Ruck kommen, mit dem der junge Troll in den Sattel plumpste. Sie gingen zum Tor, wo die Reiter bereits ein Spalier bildeten, durch das der Walvater und Holda an die Spitze des unheimlichen Zuges reiten würden.

Das Jagdhorn ertönte und es ging los. Hoch durch die Luft raste die Wilde Jagd, durchmaß ganz Midgard in einer Nacht. Der junge Troll hielt sich geradezu verzweifelt an Maras Mähne fest. Ihn war ganz schwindlig von dem wilden Ritt. Man muss wissen, dass Trolle Erdwesen sind. In der Luft fühlen sie sich ganz und gar nicht wohl und sie müssen viele Jahrhunderte üben, ehe sie sich in diesem Element wohl fühlen. Und dann geschah es. Urplötzlich war da dieser Baumwipfel und Mara und ihr Reiter konnten nicht mehr ausweichen. Mit großem Gepolter fielen sie auf die Erde, mitten auf eine Waldlichtung. Mara gelang es, einigermaßen elegant zu landen, doch der junge Troll landete mit einem lauten PLUMPS! Auf seinem Hosenboden.

Während er sich denselben noch rieb sah er, dass auf der Lichtung ein kleines Häuschen stand. Die Tür ging auf und heraus kam eine alte Frau. Sie näherte sich langsam, denn sie fühlte, dass ihr Besucher nicht von dieser Welt war. Der junge Troll wäre am liebsten im Boden versunken, doch schließlich sagte er: „Keine Angst, ehrwürdige Frau. Ich bin ein Troll aus der Wilden Jagd und vom Pferd gefallen.“ Die Menschenfrau erwiderte: „Ich bin die alte Köhlerin und hatte schon viele Jahre keinen Besuch mehr.“ Sie reichte dem jungen Troll die Hand, und half ihm beim Aufstehen. „Komm erst einmal herein und ruhe dich aus. Wo ist dein Pferd?“ Am Rand der Lichtung schnaubte Mara. „Möchtest du sie vielleicht zu meinem alten Waldfuchs stellen? Sie muss nicht in der Kälte bleiben.“ Mara ließ sich sehr gerne in den Stall führen. Der alte Wallach der Köhlerin staunte nicht schlecht über den Besuch und nach erstem Beschnuppern, steckten die bei beiden Pferde vertraulich die Köpfe zusammen. Die Köhlerin füllte die Futterkrippen und brachte Wasser, ehe sie ins Haus zu ihrem außergewöhnlichen Gast ging.

Der junge Troll stand ein wenig unsicher mitten im Raum. Die Köhlerin lud ihn ein, sich zu setzen und reichte ihm frisch gebackenes Brot mit Speck und einen Teller kräftige Suppe. Der junge Troll aß mit großem Appetit und während er das tat, erzählte er von seinem Unglück. Die Köhlerin hörte genau zu und stand schließlich wortlos auf. Sie ging vor die Hütte, wo es angefangen hatte, heftig zu schneien. Schließlich kam sie mit einem Stein zurück und reichte ihn dem jungen Troll, der sie verständnislos ansah. „Ein Stein,“ sagte die Köhlerin „ist ein Stück Erde. Wenn du ihn in deinen Stiefel steckst, drückt er zwar, aber du hast Erde unter den Füßen.“ Das Gesicht des Trolls hellte sich auf, und er dankte der klugen alten Frau für Essen und Rat. Schließlich sagte er: „Ich bin ein Wilder Jäger und dies ist eine Raunacht. Da du mir Freundlichkeit erwiesen hast, will ich dir einen Wunsch erfüllen.“ „Dann wünsche ich mir“, sagte die Köhlerin „dass du der beste unter allen Trollen werden sollst, die jemals mit der Wilden Jagd gezogen sind.“ Der Junge sah die Köhlerin erstaunt an. „Du willst nichts für dich?“ Die Köhlerin erwiderte lächelnd: „Seid ich ein Mädchen war habe ich mir gewünscht, dass einmal ein Wilder Jäger meine Raunachtgabe annimmt. Nun hat sogar einer mit mir zusammen gespeist. Was könnte ich mehr wollen?“

Der junge Troll umarmte die Köhlerin herzlich zum Abschied und ging zum Stall. Er führte Mara heraus, die frisch gestärkt und um einige sonderbare Geschichten aus Midgard reicher bereit war, den Weg fortzusetzen. Doch was war das? Als der Troll aufsaß gab es nicht „Plumps“, sie spürte es kaum. Sie begann zu traben und fühlte, wie sich ihr Reiter geschmeidig jedem Schritt anpasste. Aus dem Trab wurde ein stürmischer Galopp und sie beantwortete den Jubelruf ihres Reiters mit gellendem Wiehern, als sie abhoben. Bald schon war die Jagdgesellschaft eingeholt und die Jäger trauten ihren Augen kaum, als sie den jungen Troll reiten sahen, als sei der auf einem Pferd geboren.

Odin und Holda riefen ihn herbei um zu erfahren, was geschehen war. Er berichtete von seinem Absturz und der Köhlerin. Um die bärtigen Lippen des Walvaters spielte ein Lächeln als er murmelte: „Von allen vergessen und doch voller Güte….“ Holda und der Walvater tauschten einen Blick und lächelten verschwörerisch. Da wusste der junge Troll, dass die Geschichte der Köhlerin mit der Wilden Jagd noch nicht vorbei war….

Wie sie weiter geht? Kommt morgen wieder zum Feuer, dann will ich Euch erzählen. 😉

Bildquelle: Familyschaffner/pixabay.com

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