Eine unheimliche Begegnung

Eine unheimliche Begegnung

Cool J war 16. Er wusste alles, glaubte an nichts und hielt sich für den tollsten Typen der Welt. Eigentlich hieß er ja Jochen, aber das war schließlich nicht cool, nicht wahr? Sehr zu seinem Missfallen war er in diesem Jahr wieder derjenige, der den alten Großvater, der alleine etwas außerhalb der Stadt wohnte, am Heiligen Abend besuchen musste. Cool J beschloss, schon um drei Uhr mittags los zu gehen. Gegen sechs war Bescherung zu Hause, danach ging es noch mal raus mit der Gang. So war es zumindest geplant.

Als der Junge am Haus seines Großvaters angekommen war wehrte er sich heftig dagegen, wieder zum kleinen Buben zu werden, der auf Opas Schoß saß und seine tollen Geschichten anhörte. Dennoch konnte er sich eines heftigen Gefühles nicht erwehren, als er den zerbrechlichen, fast durchsichtig wirkenden Greis sah. Abgenommen hatte er. Die Adern an seinen Händen schienen die Haut fast zu zerreißen. Ging er nicht noch ein wenig gebeugter? Doch die braunen Augen hinter den dicken Brillengläsern leuchteten, wie eh und je. „Mein Junge!“, rief der Opa und umarmte Cool J kräftig der, recht uncool, Freudentränen in den Augen spürte als er merkte, das Opas bärenhafte Umarmung nichts an Kraft verloren hatte. „Komm setz dich. Magst du etwas essen?“ Und wie Cool J wollte! Es gab auf der ganzen Welt nichts besseres, als Opas Hühnersuppe, die auf dem Herd dampfte.

Die beiden Männer aßen zusammen, lachten und erzählten. Irgendwie, war es dieses Jahr anders. Es war nicht nervig und langweilig, nein. Cool J wurde bewusst, dass die Heilig Abend Besuche beim Opa gezählt sein dürften und er wurde traurig. „Was ist, mein Junge?“, wollte der Opa wissen. „Ich dachte gerade daran, dass du…“ Cool J schwieg betreten. „Das ich bald sterben werde, nicht wahr?“ beendete Opa den Satz und nahm die Hand des Jungen. Der nickte schweigend, um nicht laut los zu schluchzen. „Weißt du, ich werde nämlich mit dem Walvater gehen, so wie deine Oma. Dann kann ich mich endlich wieder um Pferde kümmern.“ Cool J verdrehte die Augen: „Opa, geht das schon wieder los?“ „Aber er hat es mit gesagt! Ich habe ihn gesehen! Und weil ich sein Pferd halten konnte, hat er mir versprochen, dass er mich in den Dienst nimmt! So wie Oma! Wen er einen Wunsch gewährt, muss er ihn erfüllen.“ Der Großvater war früher Stallknecht in einem berühmten Gestüt gewesen. Er liebte Pferde und es war ein schlimmer Tag gewesen, als er aus dem Dienst gehen musste.

Es war schon dunkel, als Cool J sich zu Fuß auf den Heimweg machte. Opa hatte ihm eingeschärft, den Blick am Boden zu lassen, wegen der Wilden Jagd. Opa kam aus irgendeinem kleinen Dorf an der Nordseeküste. Da glaubte man solchen Unsinn. Nun, Cool J hatte ja die Kopfhörer schon auf und hörte einfach nicht zu. Er ging durch den Park und musste zugeben, dass irgendwie alles gruselig war. „Jetzt hat ers geschafft mich mit seinem Unsinn anzustecken!“ presste er zwischen den Zähnen hervor. Er ballte die Fäuste in der Jackentasche und sah geradezu provokant geradeaus, als er weiter ging. Vor ihm, auf der Wegkreuzung, hatte sich Nebel gesammelt. Seltsamer Nebel, der wogte und eine Form annahm….ein riesiges Pferd mit einem Reiter. Das Pferd schien acht Beine zu haben. Der Reiter trug einen weiten Mantel und einen Schlaphut. Genau wie Opa ihn beschrieben hatte. Cool J schüttelte den Kopf, doch der Reiter blieb. Er beschloss, mitten durch den Nebel hindurch zugehen, als er plötzlich Wiehern hörte.

Nun begann Cool J zu rennen. Bis ihn ein eiserner Griff an der Schulter aufhielt: „Warum so uncool, Cool J“, fragte eine Stimme, die wie fernes Donnergrollen klang. Der Junge senkte den Kopf. „Hat wohl doch ein Wort oder das andere deine Ohren erreicht?“ Cool J biss die Zähne zusammen, um nicht vor Angst zu weinen. „Tapfer bist du. Ein starkes Herz hast du. Das Blut deines Großvaters trägst du.“ Der Reiter saß ab und befahl: „Halte mein Pferd!“ Cool J ergriff gehorsam die Zügel. Er hatte Angst vor Pferden, sie schienen irgendwie allwissend. Der riesige sturmgraue Hengst riss am Zügel, und wie er es von Opa gelernt hatte, schob der Junge seine Schulter an die des scheuenden Tieres, das sich beruhigte. Cool J wunderte sich, dass die Pferdenase an seiner Wange weich und warm war. Er hob die Hand, um sie zu streicheln. Das unheimliche Pferd legte die Nüstern an die Menschenhand und begann neugierig an Cool Js Jackentasche zu schnuppern. „Nein, das ist nicht gut für dich, da drin,“ sagte Cool J sanft und schob den Pferdekopf behutsam zur Seite, der fast ein Päckchen Kaugummi stibitzt hätte. „Warum verweigerst du meinem Pferd die Gabe?“ fragte der Reiter ungehalten. „Weil das Kaugummi ist, mein Herr,“ stotterte der Junge. „Es ist nicht verdaulich, und Pferde können Koliken davon bekommen.“ Der Reiter kam näher: „So riskierst du lieber, dass mein Pferd dich beißt, als dass es Schaden nimmt?“ Nun flossen Cool Js Tränen vor Angst. Er konnte nur stumm nicken. Eine große Hand griff unter sein Kinn und sein Kopf wurde gehoben. Er sah in ein einziges, leuchtend blaues Auge. „Hast du Angst?“ wollte der unheimliche Fremde wissen. „Ja, Herr“, antwortete Cool J. „Du bist doch Cool J! Und du hast Angst?“ fragte der Fremde erneut. Nun sah im der Junge direkt ins Auge und erwiderte mit seltsamer Festigkeit: „Ja, Herr, ich habe Angst.“ Da kniff der Fremde das Auge zu und lächelte: „Dein Mut, mein Sohn ist größer als die Angst. Du hast gerade einem Fantasiespuk gestanden, dass er dich erschreckt.“ Der Walvater schnitt eine Grimasse und Cool J musste lachen.

„Lass uns rasten,“ sagte der Fremde und wies auf eine Bank. Cool J folgte ihm und setzte sich. Nach einer Weile fragte er schüchtern: „Herr? Ist meine Oma wirklich bei dir?“ Der Fremde lächelte. „Ja, sie ist wirklich bei mir. Sie steht der Küche vor und ist selbst von den Disen gefürchtet.“ Hilflos warf der Fremde die Hände in den Himmel und setzte fort: „Nicht einmal ich wage es, das Gemüse das sie reicht, stehen zu lassen.“ Nun musste Cool J herzlich lachen. Er erzählte dem Walvater, wie die Oma einmal seinem Vater angedroht hatte, ihm die Hosen stramm zu ziehen, falls er das Gemüse nicht aß. Cool J war damals 9 und sein Vater immerhin 40. „Ich sehe,“ seufzte der Walvater gespielt, „wir sprechen von der gleichen Frau.“

Nachdem sie noch eine Weile geplaudert hatten, sagte der Fremde schließlich: „Es ist Zeit, weiter zu ziehen. Wie es Sitte ist, darfst du dir ein Geschenk von mir wünschen, denn du bist ein Aufrechter.“ Ohne zu überlegen antwortete Cool J: „Ich wünsche mir, dass du meinen Opa wirklich zu den Pferden holst, wenn es an der Zeit ist.“ Der Fremde sah Cool J erstaunt an. „Ich halte meine Versprechen immer. Hat dir das dein Großvater nicht gesagt?“ „Doch“, erwiderte Cool J. „Aber damit es auch ganz sicher so kommt, wünsche ich mir das, weil er mir auch sagte, wenn du einen Wunsch anbietest, musst du ihn erfüllen. Opa wünscht sich so sehr, wieder bei Oma zu sein und bei Pferden.“ Der Fremde erhob sich und sagte feierlich: „ Ich hörte den Wunsch und ich erfülle ihn, wie er ausgesprochen ward.“ Er saß auf, und rief über die Schulter: „Auf Wiedersehen, Cool J.“ Etwas war geschehen in Cool J während er mit dem Fremden gesprochen hatte. Der Junge hob die Hand und erwiderte: „Ich bin nicht Cool J. Ich bin Jochen. Meine Großeltern haben mich so genannt. Gute Reise. Und Auf Wiedersehen.“

Seine Mutter staunte sehr, als er nach Hause kam und die Freunde an der Tür wegschickte. „Heute ist Heiliger Abend und ich bleibe bei meinen Eltern“. Sie saßen zusammen am Tisch und feierten die schönsten Weihnachten seit vielen Jahren. Warum Cool J ging und Jochen wieder kam, hat er ihnen bis heute nicht erzählt.

Bildquelle: JuliaBoldt/pixabay.com

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