Die Raunächte

Die Raunächte

Zwölf Nächte sind es, die anders sind, als die übrigen. Diese zwölf, so sagt man, ruhen in einem geheimnisvollen Kästchen. Jeden Abend öffnet es sich, und eine der Nächte steigt heraus. Wenn der Morgen dämmert, so kehrt sie wieder zurück und ruht, bis sich das Jahresrad ein ganzes Mal gedreht hat. Schon oft sind die zwölf Nächte über die Erde gewandert. Sie merken sich alles, jeden Traum, jedes Flüstern, jeden Hauch. Daher, so sagt man, haben sie ihre besondere Kraft. Nur im Schatten dieser besonderen Nächte können die Wanderer aus den anderen Welten über die Erde ziehen. Nur im Hauch dieser Nächte sollen sogar Tiere sprechen können.

Wie sie aussieht, so eine Raunacht? Hochgewachsen ist sie, rank und voll großer Kraft. In Schleier ist sie gehüllt, dunkel und leuchtend zugleich. Sie geht barfuß und weil sie sich sanft und still nähert, kann nichts und niemand, selbst der verstockteste unter Menschen nicht, ihr Widerstand leisten. Sicher hast auch Du schon ihre kühle Hand auf Deiner Seele gespürt. Besondere Träume erlebt, oder diese eine Nacht als ganz außerordentlich erlebt. Weil sie so gar nicht sind, wie die gewöhnlichen Nächte, haben die Menschen mit der Zeit gelernt, sie zu fürchten. Sie hofften, durch Ignoranz das Unfassbare, welches diese Nächte bringen um das Unfassbare in uns zu nähren, irgendwie los zu werden. Geradeso, wie wir uns und anderen so gerne jenes Unfassbare in uns absprechen würden. Doch würde sich wirklich einer von Euch einfach einen Finger abtrennen, damit er sich nicht mehr an der Rose stechen kann? Wohl kaum.

Selbst heute noch, in der Zeit von Computern und Internet, ist der Klang der Stille in den Raunächten besonders. Er ist größer, durchdringender als die Ruhe in anderen Nächten. Der Schlaf ist anders, bei manchen tiefer, bei anderen unruhiger. Und, ob wir es wollen oder nicht, tief in unserem Inneren, dort, wo die Feuer der Mysterien, der Geschichten noch brennen, wo der Zauber sein Refugium gefunden hat, fühlen wir sie, die Raunacht.

Seit Generationen schon steigen die zwölf Nächte aus ihrem Kästchen. Wandern über die Erde und besuchen uns. Nicht in unseren Häusern oder unseren Betten. Nein, sie kommen direkt in unsere Herzen und unsere Seelen zu Besuch. Sie wissen, dass wir alles tun, um ihren Besuch am Tag möglichst schnell zu vergessen und zu übertönen. Nein, in unserer Welt findet das Unfassbare keinen Raum mehr. Und doch…lächeln sie nur still, und kommen wieder. Sie halten dem in uns die Treue, das sich nie von ihnen abgewandt hat. Bringen dem Nahrung, was uns im Innersten ausmacht, auch wenn wir davon nichts mehr wissen wollen. Und das macht diese Zeit so besonders. Das ist wohl das größte Geschenk in den Heiligen Nächten. Werden wir es irgendwann wieder dankbar annehmen?

Egal, woran wir glauben, zu wem wir beten, die Zeit zwischen den Jahren, zwischen unserem Verständnis von Zeit, trägt jenen Hauch von Ewigkeit, ohne den unsere Seelen endgültig ersticken würden. Sie wissen, dass wir es wissen. Und mit stillem Lächeln nehmen sie den geflüsterten Dank unserer Seelen mit sich, vereinen ihn mit all dem Seelenflüstern, dass sie schon seit Menschengedenken sammeln. So ist er ewig und unzerstörbar, der Zauber der Raunächte. Für immer. Und für jeden von uns.

 

Bildquelle: Google

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