Die Esche erzählt

Die Esche erzählt

Ich grüße Dich und freue mich, Dir Schatten zu spenden. Lehne Dich ruhig an mich, ich bin stark und gut verwurzelt. Lass Dich ein wenig halten und ich will Dir erstaunliches erzählen. Über uns beide. Du glaubst „uns beide“ gibt es nicht, weil ich ein Baum und Du ein Mensch bist? Oh, Du würdest Dich wundern, was wir alles gemeinsam haben. Nicht nur, dass wir beide in dieser Welt leben, Wasser, Wind und Licht, Tag und Nacht brauchen, wir haben auch die gleiche Chromosomenanzahl. Oh, es scheint, als hätte ich nun Deine Aufmerksamkeit. Sieh nur, wie unterschiedlich wir sind. Und doch hat Mutter Natur für uns beide gleich viele „Buchstaben“ gebraucht, um unsere „Blaupause“, unser „Programm“ zu schreiben. Ist das nicht großartig? Und obwohl manche von Euch uns Bäume für „niedere Lebensformen“ halten, wenn überhaupt, verfüge ich doch über genauso viele Chromosomen wie Du. Ein Vorschlag zur Güte: Lass uns einander als verschieden betrachten, okay? Frei von Wertung.

Ich gehöre zu den Laubbäumen und werde mit etwa 40 Metern Endhöhe sehr groß. Tatsächlich gibt es hier kaum Baumarten, die höher werden als ich. Und mit einer Lebenserwartung von etwa 350 Jahren werde ich im Vergleich zu Dir auch sehr alt. Unter den Bäumen allerdings, bin ich eine kurzlebige Art. Für Euch Menschen sind wir schon lange wichtige Begleiter. Nicht nur, weil unser Holz zugleich extrem hart und sehr biegsam ist, sondern auch, weil wir Teil Eurer Mythen und Legenden sind. So erzählten Eure Vorfahren von einer gewaltigen Esche namens Yggdrassil, auf der alle Neun Welten liegen. Damit sie im Gleichgewicht bleiben, nagt ein Drache an Yggdrassils Wurzeln und verhindert so, dass die Welten zu weit auseinander driften, weil die Esche immer weiter wächst. Unter der Esche sitzen die Drei Nornen, die Herrinnen des Schicksals, und weben den Faden, der durch alle Neun Welten reicht und ihnen Sinn, Anfang, Ende und Herausforderung bietet. In einem anderen Mythos heißt es, dass der erste Mann aus einer Esche gemacht wurde, die erste Frau aus einer Ulme.

Die Kelten glaubten, dass unser Holz über besondere magische Kräfte verfügte. Da wir gern Wasser in unserem verzweigten, oberflächennahen Wurzelgeflecht sammeln und uns der Sonne hoch entgegen strecken glaubten sie, dass in einem Zauberstab aus Eschenholz die Mächte von Sonne und Wasser fließen. Die Härte unseres Holzes repräsentierte dabei die Unaufhaltsamkeit von Licht, das in jedes Dunkel dringt, die Biegsamkeit wiederum stand für den durch nichts zu stoppenden Fluss des Wassers. Wenn Wasser irgendwo hin möchte, geht es dorthin. Und wenn es keinen Weg gibt, gräbt es sich einen. Und Licht, das wussten die Kelten bereits, fliegt schnurgerade aus und schneller, als jeder Pfeil. So setzte der Eschenstab den Willen des Magiers auf gleich zwei Arten durch: Schnell und direkt, und zugleich verborgen, fließend, überraschend, alle Hindernisse überwindend. Da die Macht des Eschenstabes so gewaltig war, war er erfahrenen Druiden vorbehalten.

Wegen der Eigenschaften unseres Holzes, wurden die besten Speere und Bögen aus Eschenholz gefertigt. Krieger, die sich solche Waffen verdient hatten, waren sehr mutig und erfahren. Sie kannten den Unterschied zwischen dem Kampf, den man suchen und dem Kampf, den man meiden muss, um zu siegen. Kennt Ihr diesen Unterschied auch? Versteht ihr zu unterscheiden, wann Ihr starr und hart sein müsst und wann es besser ist, sich zu biegen, nachzugeben? Zu viel Starre führt dazu, dass Ihr brecht, vielleicht weil Ihr andere zerbrecht, die Ihr eigentlich bewahren wolltet. Zu viel Biegsamkeit sorgt dafür, dass Ihr Euren Weg, Eure Richtung verliert. Wir Eschen können Euch den Zauber und das Geheimnis des rechten Maßes aus beidem lehren.

Die Menschen damals verstanden noch, dass alles mit allem zusammenhängt. Dass man von der Natur lernen kann. Dass die Betrachtung eines Baumes Dir viel über Dich sagen kann. Es ist heute noch so. Und wenn Du öfter hier im Wald der sprechenden Bäume wanderst, wirst Du das erkennen. Du bist jederzeit Willkommen. Und jetzt, lass uns noch ein bisschen zusammen träumen im warmen Sonnenlicht.

Bildquelle: binael/pixabay.com

Ein Gedanke zu „Die Esche erzählt

  1. Liebe Katharina,

    ich freue mich sehr deine Worte hier über die Esche zu lesen…
    Die Esche ist aus dem keltischen Baumkreis “mein” Lebensbaum…
    Als ich dies zum ersten Mal gelesen habe, konnte ich bei der Beschreibung nur schmunzeln…

    Es ist doch immer wieder erstaunlich, was uns Mutter Natur und all deren Bewohner über uns erzählen können… wie auch du hier mit deinen wieder erinnernden Geschichten… 😊
    DANKE, liebe Katharina!

    Herzliche Grüße
    Elke

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