Das vergessene Herz oder: Anelas Reise in den Zauberwald Finale

Das vergessene Herz oder: Anelas Reise in den Zauberwald Finale

Südwind trippelte neben ihr und drückte ihre Nüstern nervös an Anelas Rücken. Sie schaute in die Richtung, in die die Stute blickte. Dort stand ein prachtvoller Hengst. Tintenschwarzes Fell schimmerte mit seinen goldenen Augen und der silbernen Mähne um die Wette. Anela kannte ihn aus den Geschichten. Sein Vater soll der geflügelte Pegassus sein, seine Mutter eine irdische Stute. Flügel hatte er nicht, aber es gab, laut Großvater, kein Geschöpf, dass schneller war in allen Welten. Auch war er weise und über die Zeit erhaben. Er alterte nicht und kannte jeden Weg und jeden Stein. Sein Name, so erzählte man, war Sturmvogel. Südwind verliebte sich auf der Stelle in den prachtvollen Hengst. Der zeigte sich stolz der hübschen Stute und lockte sie mit leisem Wiehern näher. Schon bald steckten die beiden die Köpfe zusammen und schmusten, oder tobten ausgelassen zwischen den Bäumen, wie das Verliebte eben tun.

Und auch Anela lernte eine ganz neue Form der Nervosität kennen. Du weißt schon! Wenn dein Herz flattert, wie ein Schmetterling beim Anblick eines ganz besonderen Augenpaares. Die sanften, tiefbraunen Augen, die Anelas Herz in einen Schmetterling verwandelten, gehörten Sinan. Er war groß, hatte goldbraune Haut und langes, braunes Haar. Er war der Sohn eines Stammeshäuptlings und sah auf den ersten Blick aus, wie ein Mensch. Doch er war keiner. Sinan gehörte dem Volk der Nordelfen an. Die Beiden führten lange Gespräche und kamen sich näher. Als er ihre Hand das erste Mal ergriff wünschte sich Anela, dass er sie nie wieder loslassen wolle. Und so bat sie ihn, mit ihr zu kommen und ihr König zu werden. Doch sie wollten zuerst die Fee der Winde befragen, ob dies möglich sei. Und so machten sie sich auf zu ihrem Palast.

Er schien aus feinstem Glas zu sein. Schimmernd und funkelnd, mit feinsten Ornamenten geschmückt, thronte er fast schwerelos auf einem hohen Berg. Wie sie dort hin gekommen waren, wussten sie beide nicht genau. Sie hatten dort hin gewollt, und schon waren sie da. In der lichten Halle erwartete sie die Fee. Sie schien durchscheinend, man sah sie eigentlich nie so richtig, und doch war ihre Präsenz so kraftvoll, dass Anela einen Moment nach Luft schnappte. Von unbestimmbarem Alter, lag im Blick der Fee die Weisheit von Jahrmillionen. Die Fee lächelte und sagte: „Ihr braucht mir nichts zu sagen, man sieht dass ihr euch liebt. Doch was kann ich tun? Ihr seid doch glücklich. Mit jenem Glück gesegnet, dass nur dann zu finden ist, wenn sich zwei füreinander Bestimmte treffen.“ Sinan beugt das Knie und erwiderte: „Mutter, ich würde gern mit Anela ins Reich der Menschen gehen, sie heiraten und dort als ihr König leben.“

Die Fee hob erstaunt eine Augenbraue. Nach langem Schweigen sprach sie: „Noch nie hat einer von uns einen Menschen geheiratet, oder den Thron geteilt. Aus dieser Verbindung wird beiden Reichen großer Segen erwachsen, denn sie werden, was sie eigentlich sind: Eins. Doch wisse, Sinan! Hier bist du unsterblich und immer so alt, wie du es wünscht. Doch außerhalb des Zauberwaldes wirst du altern und sterben. Doch alle anderen Kräfte wirst du behalten.“ Sinan sah Anela liebevoll an und streichelte ihre Wange: „Lieber habe ich eine begrenzte Zeit mit meiner Liebe, als die Unendlichkeit ohne sie. Jeder Tag mit Anela an meiner Seite wiegt mehr als tausend Ewigkeiten.“ Anelas Augen füllten sich mit Tränen und sie drückte die Hand ihres Gefährten. Die Fee lächelte und sprach: „Reicht einander die Hände und kommt näher.“ Als das Paar vor der Fee stand, begannen die Elemente um sie zu tanzen. Die Fee leuchtete wie Sternenlicht und sprach feierlich: „Mit großer Freude segne ich euch mit der Macht der Mütter! Eure Liebe möge alle Schmerzen heilen, alles Erstarrte fließen lassen, alles Gesäte zum wachsen bringen!“

Im Handumdrehen waren sie zurück bei den Feiernden, die bis spät in die Nacht um das Feuer tanzten, speisten und tranken. Mitten in der Nacht erwachte Anela, weil Südwind an ihren Haaren zupfte. Sie richtete sich auf und fragte die Stute, was es denn gäbe? Die senkte den Kopf und sagte: „Herrin, du warst immer gut zu mir und es macht mich traurig, dich darum zu bitten. Doch ich liebe Sturmvogel und er hat mich gebeten, bei ihm zu bleiben. Darum bitte ich dich, mich freizugeben.“ Anela erhob sich und nahm den Kopf ihres Pferdes in die Hände. „Du bist meine beste Freundin und dein Glück ist mir heilig. Ich gebe dich frei, um mit deinem Gefährten zu leben. Mögest du glücklich sein.“ Südwind seufzte: „Du auch, Anela. Doch wie wirst du zurück kommen, wenn ich dich nicht trage?“ „Mach dir darum keine Sorgen,“ erwiderte Anela. „Der Weg hierher galt schon als unmöglich, doch wir sind ihn gegangen. Er wird uns auch zurück bringen.“ Südwind drückte ihre weichen Nüstern an Anelas Herz und erwiderte schlicht: „Danke“. Sie ging zu Sturmvogel und gemeinsam stürmten sie in die Nacht.

Am nächsten Tag machten sich Fauch, Sinan und Anela auf den Weg zurück. Fauch trug voller Stolz ein silbernes Ahornblatt auf der Brust. Es wies ihn aus als den Botschafter des ganzen Zauberwaldes. Da er Anela gefunden hatte, so hatte man einstimmig beschlossen, gab es keinen würdigeren Abgesandten der magischen Wesen. Nach einigen Stunden Wanderschaft kamen sie wieder an die Höhle des Luftdrachen. Der begrüßte sie freudig und fragte, was mit Südwind geschehen sei. Als er ihre Geschichte gehört hatte, seufzte er verzückt. Sie würden es nie zugeben, aber Drachen sind sehr romantisch, müsst ihr wissen. Und als er auch noch erfuhr, warum Sinan den Wald verließ, kullerte sogar eine Träne der Rührung über das Drachengesicht.

Gerne erklärte er sich bereit, die Reisegesellschaft ein Stück zu fliegen. Weit genug außerhalb des ersten Dorfes landete er und wünschte ihnen Glück. Als sie abgestiegen waren, hielt Anela den Drachen zurück: „In 28 Tagen wollen wir Hochzeit feiern. Bitte übermittle allen Bewohnern des Zauberwaldes unsere Grüße und herzliche Einladung und wenn es möglich ist, dann komm bitte auch du.“ Der Drache strahlte die beiden an und versprach zu kommen. Nach kurzem Gespräch war klar, dass Fauch mit ins Schloss kommen würde. Zum einen waren er, Anela und Sinan enge Freunde geworden und zum anderen fand Fauch, die Menschen dürften ihn ebenso mit eigenen Augen sehen, wie er sie sehen wollte. Anela war erleichtert denn sie fürchtete, ohne Fauch würde man ihr nicht glauben.

Auf dem Weg zurück fiel Sinan kaum auf, er sah ja fast aus, wie ein Mensch. Nun ja, einigen Frauen fiel er sehr wohl auf, doch das merkte er nicht, denn er hatte seine Frau. Fauch hingegen, sorgte sehr für Aufsehen. Eine kleine Flamme mit Armen, Beinen und einem Gesicht, die ein Reisebündel geschultert hatte, war nun wahrlich kein alltäglicher Anblick. Fauch genoss die Aufmerksamkeit. Loderte und zischte oder schnitt lustige Grimassen für die Kinder, damit sie sich nicht fürchteten. Viele Menschen schlossen sich der Reisegesellschaft auf dem Weg zum Schloss an, um sie ein Stück zu begleiten. Für viele alte Menschen war Fauchs Anblick ein Segen. Nicht nur, weil er sich gerne einen Moment auf ihre Füße setzte um sie zu wärmen, sondern auch weil er ihre Herzen mit seiner Anwesenheit wärmte. Die Geschichten waren wahr. Und so auch all die Hoffnung, die in ihnen bewahrt worden war.

Schließlich kamen die drei Reisenden im Thronsaal an. Ihr könnt euch vermutlich vorstellen, wie Königin Kesira und ihr Gemahl, König Thalor, schauten, als sie Fauch sahen. Der beschloss, dass es Zeit für eine Galavorstellung war. Also spie er Rauch und Feuer, flitzte so schnell um Säulen und Tische, dass man ihm mit den Augen kaum folgen konnte und gebärdete sich sehr mysteriös und gefährlich. Anela musste kichern, denn ihr war noch sehr bewusst, wie der kleine Feuergeist erschrocken in eine Felsspalte gesprungen war, als er den Drachen gesehen hatte. Wieder und wieder wollten die Eltern und auch der Thronrat Anelas Bericht hören. Immer wieder fragten sie nach und trotz Fauchs und Sinans Anwesenheit konnten sie die Geschichten kaum glauben. Sehr gerne stimmten die Eltern Sinans und Anelas Hochzeit zu. Nun, sie hatten ja auch keine andere Wahl. Das hatte Anela sehr deutlich gemacht, was ihren künftigen Mann zum Schmunzeln brachte.

Als der Hochzeitstag sich näherte, wurden jedoch sehr schnell alle Zweifel ausgeräumt. Neben Menschen trafen Drachen, Kobolde, Zentauren, Zauberer, ja sogar die Fee der Winde selbst, als Hochzeitsgäste ein. Anelas Eltern, selbst der würdige Thronrat klebten geradezu an den Fenstern und kamen aus dem Staunen nicht heraus über all die Wesen, die sich dem Schloss näherten. Erstaunte Ausrufe und ehrfürchtiges Murmeln wechselten sich ab. Und selbst die finsteren Trolle hatten eine Abordnung geschickt. Zum Zeichen des Friedens hatten sie Blumengirlanden um ihre Keulen gewickelt und…sie hatten sich tatsächlich gewaschen! Nur der Luftdrache fehlte. Anela hielt Ausschau und manchmal glaubte sie, im Sonnenlicht schimmernde Drachenschuppen zu sehen. Doch er kam nicht.

Da es bei den Elfen üblich war, sollte die Trauung in der Abenddämmerung im Freien stattfinden. Der Garten war mit Fackeln erleuchtet und der Hohepriester erwartete das Brautpaar, mit der Fee der Winde an seiner Seite. Als das Paar in den Schwurring trat, herrschte tiefe Stille. Sie reichten einander die Hände und schworen einander Liebe und Treue. Kaum hatten der Priester und die Fee die Ehe geschlossen und gesegnet, da erklang ein Lied. Ohne Worte. Überirdisch schön. Der Luftdrache sang! Aus seinem ganzen Leib flossen die Töne und das Lied war im ganzen Reich zu hören. Viele Tränen flossen, denn so manches Harte, Kalte und Trennende schmolz im Hochzeitslied des Drachen. Selbst die Fee der Winde konnte ihre Tränen nicht verbergen und sie wollte es auch nicht. Der undurchdringliche Wald im Herzen des Reiches, der die Wesen getrennt hatte, war zum lichten Garten geworden.

Sinan und Anela herrschten viele Jahrhunderte weise und gerecht. Der Luftdrache war zum Schatzmeister ernannt worden, was diesen natürlich sehr freute. Was war ein Drache ohne Schatz, den er bewachen konnte!? Und Fauch, der Feuergeist, wurde Zeremonienmeister. Und so, wie früher einmal der Zauberwald nur eine Geschichte war, wurde bald schon die Trennung vom Zauberwald nichts, als eine gruselige Geschichte, die zum Glück nicht mehr wahr war. Das nun wieder geeinte Reich florierte und war den anderen Reichen geschätzter Nachbar und treuer Verbündeter. Man erzählte sich, dass auch in den Nachbarreichen die Thronfolger zu wandern begannen um zu sehen, ob es nicht einen verborgenen Wald, ein Reich im Reich gebe, das vergessen war und wieder vereint werden sollte. Und so manches andere Reich heilte ebenfalls, weil es sein vergessenes Herz wieder fand.

An Beltane wird Hochzeit gefeiert. Der Himmel heiratet die Erde, so glaubten unsere Vorfahren, doch auch das Herz heiratet den Verstand oder unser Innen das Außen. Wann immer sich etwas neu verbindet das getrennt war und eigentlich zusammen gehört, schwingt der Geist dieses Festes mit. Möge Euch der Beltane-Segen umwehen und Fülle und Heilung Euch umgeben.

Bildquelle: thommas68/pixabay.com

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