Das vergessene Herz oder: Anelas Reise in den Zauberwald Teil 2

Das vergessene Herz oder: Anelas Reise in den Zauberwald Teil 2

„Nun bist du also auf deiner Wanderung, Anela. Und mein Warten hat ein Ende.“, sagte der Feuergeist lächelnd. „Woher kennst du meinen Namen?“, wollte Anela wissen. „Die Fee der Winde hat vorhergesagt, dass einst die Thronfolgerin Anela geboren wird. Sie kommt in die Welt, wenn der Mond die fallenden Sterne ausschüttet. Und wenn er das wieder tut, wird sie wandern und endlich wieder zu uns kommen.“ Anela hatte, wie jeder im Land, gute Kenntnisse über die Sterne erlangt in ihrer Ausbildung. Und so wusste sie, dass der jährliche Sternschnuppenschauer gemeint war, der sehr selten mit dem Vollmond zusammen fiel. Bei ihrer Geburt war das so gewesen, und in diesem Jahr ebenfalls. Großmutter sagte, das sei bedeutend, denn der Mond streue Sterne auf ihren Weg, normalerweise lägen zwischen diesen Phänomenen mehrere Jahrzehnte. Doch diesmal waren es nur 17 Jahre gewesen.

Der Feuergeist erzählte Anela, dass es vor langer Zeit normal war, dass die Thronfolgerin im Zauberwald wanderte. Doch plötzlich kam sie nicht mehr. Die Wesen im Wald waren traurig und verwirrt. Sie fühlten sich abgewiesen und zurück gestoßen. Einige hatten schließlich unsichtbar die Dörfer besucht und erfahren, dass sie vergessen worden waren! Sie existierten nur noch als Märchen. Es herrschte Ratlosigkeit und Verzweiflung, denn die Wesen im Zauberwald wussten, dass sie und die Menschen zusammen gehörten und nur zusammen glücklich und in Frieden leben konnten. Der Wald wurde immer dichter und undurchdringlicher, egal wie sehr die Zauberwesen versuchten, den Wald zu lichten, damit vielleicht doch zumindest irgendein Mensch sie fände und von ihnen berichtete.

Doch vergeblich. Der Wald wurde immer dichter und das Herz des Reiches drohte, abgeschnitten zu werden. Die endgültige Trennung würde den Untergang der beiden Reiche bedeuten, die doch eigentlich eines waren. Doch die Fee der Winde hatte vorhergesagt, dass Anela kommen würde, irgendwann. Und dass so die Wiedervereinigung möglich würde. „Und jetzt bist du da und wirst den Bruch und den Untergang verhindern,“ schloss der Feuergeist lächelnd und loderte vor Freude hell auf. Anela lachte mit dem fröhlichen Geist und fragte dann sorgenvoll: „Aber wie kann ich das verhindern? Was muss ich dazu tun?“ „Du tust schon alles, was getan werden muss,“ beschwichtigte das sprechende Flämmchen. „Du wanderst in unserem Wald und lernst uns kennen. Darf ich dich begleiten?“ „Sehr gerne,“ erwiderte Anela, „darf ich nach deinem Namen fragen?“ Der kleine Feuergeist richtete sich auf und reichte Anela die lodernde Hand. „Ich bin Fauch.“ Nach kurzem Zögern nahm Anela Fauchs Hand und stellte erleichtert fest, dass sie sich nicht verbrannte. Die sehr warme Berührung kribbelte, aber tat nicht weh.

Fauch griff hinter den Stein und nahm sein Bündel auf. Er betrachtete Südwind einen Moment mit gerunzelter Stirn, er hatte ja noch die ein Pferd gesehen, und schwang sich nach kurzem Zögern auf ihren Rücken. Südwind freute sich sichtlich, nicht sofort in Flammen gesetzt zu werden, und tänzelte erwartungsvoll. Sie schubste Anela ungeduldig, denn auch sie wollte weiter reisen. Auf dem Weg erfuhr Anela, dass Fauch ungefähr so alt war, wie sie selbst und auf dem Weg zur jährlichen Versammlung auf der Hauptlichtung. In diesem Jahr war er schon einen Monat früher los gegangen, um auf Anela zu warten. Alle Wesen schickten einen Vertreter zu dieser Versammlung, und alle warteten an verschiedenen Stellen. Und er, Fauch, habe sie gefunden. Diesmal stob der kleine Feuergeist Funken vor Stolz und Freude.

„Vielleicht wäre es gut, wenn du mit mir zur Versammlung gehst,“ überlegte er. „Aber ich bin doch gar nicht eingeladen,“ gab die Prinzessin zu bedenken. „Ich bin von meinem Volk ausgewählt worden und ermächtigt,“ erwiderte Fauch nicht ohne Stolz. „Und du wirst mein Gast sein.“ Anela nickte dankbar. Sie kamen in eine sehr felsige Gegend des Zauberwaldes und Südwind musste aufpassen, wohin sie trat. Vorsichtig suchten sie sich ihren Weg als plötzlich ein unglaublich schöner Klang sie umwehte. Es war ein Lied ohne Worte doch so voller Schönheit, dass Anela verzaubert absaß und sich auf einen Felsen niederließ, um zu lauschen. Tränen strömten über ihr Gesicht, denn dieses Lied war so voller Schönheit, dass ein Menschenherz darunter jubelnd zersprang um sich zu neuem Leben zu erheben.

Sie war so versunken, dass sie gar nicht bemerkt hatte wie das Lied endete. „Oh! Ich wollte niemanden traurig machen mit meinem Lied!“, erklang eine tiefe, weiche Stimme. „Ich bin nicht traurig,“ flüsterte Anela. „Die Schönheit deines Liedes hat mich nur überwältigt.“ Sie sah sich um und erstarrte vor Schreck. Hinter ihr lag ein riesiger Drache! Fauch hatte sich sicherheitshalber in einer Felsspalte versteckt und zischte und loderte vor Angst. „Du musst keine Angst vor mir haben. Ich tue dir nichts zu Leide.“, beruhigte der Drache. Seine Augen leuchteten wie Saphire und die goldenen Pupillen strahlten Wärme und Kraft aus. „A-a-aber, fresst ihr nicht alles, was euch vors Maul kommt? Zerstört und verderbt?“ „Das tun Lindwürmer. Aber ich bin ein Drache, wie du siehst,“ erwiderte das gewaltige Tier etwas beleidigt. „Wir sind Geschöpfe des Lebens und der Wärme. Ich bin ein Luftdrache, weißt du? Wir sind selten und zeigen uns selbst im Zauberwald nur zu sehr besonderen Gelegenheiten.“ Anela bat um Verzeihung und der Drache zwinkerte ihr fröhlich zu. Er schlich näher und spähte in die Felsspalte, in der Fauch sich versteckt hatte. „Hey, da drin?“, dröhnte er „spielst du Vulkan?“ Fauch lugte vorsichtig hervor und wäre vor Schreck fast erloschen beim Anblick des riesigen Drachengesichts. Dieser Drache war größer als alles, was Fauch je gesehen hatte! Er flackerte vor Angst und stotterte: „Ich dachte, euch gibt es nur im Märchen!“

Jetzt lachten Anela und der freundliche Luftdrache herzlich. Er bot dem verschreckten Feuergeist die Pranke, um ihm aus der Spalte zu helfen. Dabei sagte er rätselhaft: „Ein Märchen ist erdacht, nicht wahr? Wie könnte etwas nicht existieren, wenn es doch gedacht werden kann? Doch tröste dich, kleiner Freund. Ich dachte immer, unser blaues Feuer sei das einzige, das es gibt. Von Feuergeistern habe ich noch nie gehört. So haben wir beide etwas gelernt.“ Jetzt lachte auch Fauch und der Drache lud die kleine Reisegesellschaft ein, in seiner Höhle zu übernachten. Da es schon dunkel wurde und sie müde und hungrig waren, nahmen sie die Einladung gerne an. Südwind zupfte genüsslich an den Kräutern im Garten des Drachen, Anela trank frische Milch und aß knuspriges Brot mit Früchten und Fauch und der Drache aßen flüssiges Feuer. Das schmeckte dem kleinen Feuergeist so gut, dass er sich den Magen daran verdarb. Drachen finden nämlich, dass auch das Alltägliche, wie Essen oder Trinken besonders ist und genossen und gefeiert werden darf. Daher sind alle Drachen hervorragende Köche, behauptete zumindest ihr Gastgeber.

Sie plauderten noch eine Weile und als es Schlafenszeit wurde, machte es sich Fauch in der Feuerstelle gemütlich. Anela und Südwind aber schmiegten sich an den warmen Drachenleib und schliefen tief und erholsam. In der Nacht erwachte Anela, denn ein heftiges Gewitter war losgebrochen. Sie sah, wie Fauch aus seinem feurigen Bett sprang, um mit den Blitzgeistern zu spielen. Und so war er am nächsten Tag sehr müde, denn er hatte ja die ganze Nacht herumgetollt. Sie nahmen Abschied von dem freundlichen Drachen und setzten ihren Weg fort. Fauch hatte in Anelas Satteltasche bis zum Mittag geschlafen.

Sie erreichten eine Lichtung und Anela wollte Rast machen, als Fauch heraussprang und rief: „Nicht hier! Das ist das Reich der Trolle und mit denen ist nicht gut Kirschen essen! Sie mögen keine Fremden, außer vielleicht, um sie zu jagen und zu erschlagen!“ Wie auf Stichwort erschienen auch direkt ein paar der finsteren Gesellen und schwangen ihre Keulen. Südwind wieherte erschrocken und scheute so sehr, dass Anela und Fauch herunter fielen. Fauch zog seine Schuhe aus und formte sie so um, dass sie an Südwinds Hufe passten. Die Stute fühlte, wie gewaltiger Mut und Kraft sie erfassten. Sie ließ ihre Herrin und den kleinen Feuergeist wieder aufsitzen und stürmte mit dem Wind um die Wette davon. Bald schon waren sie weit weg und Südwind gab ihre magischen Hufeisen nur ungern wieder her. Sie legte ihre weichen Nüstern an Fauchs Schulter und sagte: „Ich danke dir! Nur einmal wollte ich schneller rennen als der Wind in meinem Namen. In deinen Schuhen konnte ich das tun.“ Fauch kraulte die mutige Stute. Er wusste welche Kraft es sie gekostet hatte, nicht ihrem Instinkt folgend einfach zu fliehen, sondern umzukehren und ihre Freunde mitzunehmen.

Nach einigen weiteren Tagen erreichten sie schließlich die große Lichtung, auf der die Versammlung stattfand. Zuerst herrschte großes, verblüfftes Schweigen. Anela starrte die Wesen mit großen Augen und offenem Mund an. Da waren Elfen, Feen, Kobolde, Zentauren, sprechende Bäume und singende Felsen. Weise Schlangen, rätselhaft lächelnde Magierinnen und alte, mächtige Zauberer. In den Schatten standen die Geschöpfe der Nacht. Werwölfe, Poltergeister und Vampire. Sie taten ihr Äußerstes, freundlich zu blicken, was bei ihnen nicht sehr einfach war. Auch der sagenhafte Phönix war da, genau wie die rätselhaften Sphinxen, allerhand sprechende Tiere und schimmernde Sternengeister. Die versammelten Wesen starrten ebenso erstaunt zurück, bis schließlich der Phönix in einem regelrechten Farbrausch aus seiner Asche aufstieg und jubelte: „Sie ist da! Die, auf die wir hofften! Die, die uns heilt! Sie ist gekommen!“ Die Lichtung erbebte regelrecht unter dem Jubel der versammelten Geschöpfe und Anela errötete über und über. Sie schüttelte Hände, Tatzen, Flügel und manches Mal wurde sie von Lichtfontänen umtanzt. Diesen Gruß erwiderte sie mit einem Knicks, was das wirbelnde Licht zum Klingen brachte. Die normalerweise sehr ernste Versammlung verwandelte sich in ein rauschendes, mehrtägiges Fest. Alle Sorgen waren vergessen.

Wen Anela und Südwind trafen und wie die Geschichte endet, erfahrt ihr morgen

Bildquelle: Schmidsi/pixabay.com

Ein Gedanke zu „Das vergessene Herz oder: Anelas Reise in den Zauberwald Teil 2

  1. Liebe Katharina,

    deine wunderschönen Geschichten berühren mich immer wieder aufs Neue… lassen mich eintauchen in gefühlt längst vergangene “Zeiten”, wo wir ja sogar selbst eines der Wesen in diesem Zauberwald waren… 😊

    So schön, auch immer wieder – DAS EINE ICH BIN – zwischen den Zeilen zu lesen…

    Ich DANKE dir sehr, liebe Katharina, du wundervolle Geschichten-Erzählerin… 🙏

    Hab einen segensreichen Tag… ob im Zauberwald oder wo auch immer du gerade bist… lass es dir richtig gut ergehen…

    In liebevoller Verbundenheit
    Elke

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