Das vergessene Herz oder: Anelas Reise in den Zauberwald Teil 1

Das vergessene Herz oder: Anelas Reise in den Zauberwald Teil 1

Vor langer Zeit wurde in einem Land, weit weg von hier, die Thronfolgerin geboren. Anela war ein hübsches und aufgewecktes Kind. Mutig, fröhlich, mit einem klaren, forschenden Geist begabt, war sie die Freude ihrer Eltern. Am liebsten mochte es Anela, wenn ihr ihr Großvater Geschichten erzählte. Sie konnte dem alten Mann stundenlang zuhören und er wurde nicht müde, zu erzählen. Fantastische Wesen kamen in diesen Geschichten vor, von denen Großvater sagte, sie lebten tatsächlich auch im Reich. Es gab, so Großvater, in der Mitte des riesigen Landes einen gewaltigen Zauberwald. Und dort lebten allerlei Geschöpfe von denen man gemeinhin glaubte, sie seien nur Fabelwesen. Wenn Anelas Eltern Großvater erzählen hörten, schmunzelten sie. Die gleichen Geschichten hatten auch sie von ihren Großeltern gehört.

Eines Tages, Anela war schon fast erwachsen, saß sie mit ihrer Mutter beim Anastura-Spiel. Während Anela über ihren nächsten Spielzug nachdachte fragte sie plötzlich: „Mama? Woher weißt du so sicher, dass es den Zauberwald nicht gibt?“ Königin Kesira sah ihre Tochter verblüfft an und erwiderte: „Nun, sicher bin ich nicht, aber in all den Jahren meiner Herrschaft ist nie eines dieser Wesen gesehen worden.“ Anela faltete die Hände im Schoß und fragte vorsichtig: „Früher war es üblich, dass die Thronfolgerin das Reich mehrere Jahre bereiste. Großvater sagte, das sei die ‚Große Wanderung‘. Hast du diese Wanderung gemacht?“ Königin Kesira erklärte: „Seit meine Urgroßmutter Ana auf den Thron kam, wurde die ‚Große Wanderung‘ nur noch zeremoniell vollzogen. Die Thronfolgerin wandert drei Tage durch die königlichen Gärten, weißt du? Die ursprüngliche ‚Große Wanderung‘ wurde schon seit 700 Jahren nicht mehr unternommen.“ Ihr müsst wissen, dass Anelas Volk sehr langlebig ist. Und so war es nicht ungewöhnlich, dass Königinnen mehrere Jahrhunderte herrschten.

Anela sah ihre Mutter erwartungsvoll an. Die seufzte und fuhr fort: „Früher war es üblich, dass die Thronfolgerin jede Stadt, jedes Dorf im Reich einmal selbst besucht haben musste. Man kann nicht beherrschen, was man nicht kennt. Doch schließlich wurde dieses Kennenlernen umgekehrt. Wenn eine Krönung bevorsteht, wird jeder Mann, jede Frau und jedes Kind mit einem Brief an den Hof eingeladen. Daher dauert die Krönung mehrere Monate, um wirklich alle empfangen zu können.“ Anela nickte. „Was, wenn die Wesen im Zauberwald nicht lesen können und darum nicht kommen?“, wandte sie ein. Mutter lächelte nachsichtig und antwortete: „Es stimmt, dass im Zentrum unseres Reiches ein riesiger Wald ist. Doch ich glaube nicht, dass er mit Zauberwesen besiedelt ist. Er ist dicht und dunkel und regt damit vermutlich die Fantasie sehr an.“ „Aber WISSEN tust du es nicht,oder?“ Anelas veilchenblaue Augen funkelten herausfordernd. Kesira hob erstaunt die Augenbraue und schüttelte schweigend den Kopf.

Langsam erhob sich Anela von den weichen Kissen. „Ich will es aber genau wissen! Ich möchte auf die ‚Große Wanderung‘ gehen. Auf die richtige Wanderung. Ich möchte mein Reich kennen und alle, die darin wohnen.“ Kesira starrte ihre Tochter an. Die Reise sei nicht nur lang, sondern auch gefährlich, wandte sie ein. Die Thronfolgerin müsse alleine los gehen und nur, wer sich ihr unterwegs anschloss, durfte sie begleiten. Nur ein Pferd und ein paar Decken sowie Proviant für einen Tag dürfe sie mitnehmen. Dann sei sie auf sich gestellt. Doch Anela blieb hart. Sie wollte die Wanderung unternehmen und alles, womit Mutter sie abschrecken wollte, schien sie nur noch mehr anzuspornen. Vater wurde befragt und auch der Thronrat. Beide sagten, es sei Anelas Recht, diese Reise zu unternehmen und die Ältesten im Thronrat waren sehr erfreut, dass die kommende Königin mit Recht den Titel „Sie, die das ganze Reich erblickt hat“, tragen würde.

Und so kam der Tag, an dem Anela ihre Stute Südwind sattelte und nur mit ein paar Decken und einer Tasche voller Vorräte das Schloss verließ. Sie ritt durch liebliche Landschaften. Üppige Felder wogten im Sonnenlicht und fleißige Hände brachten die reiche Ernte ein. Da Anela kein Ziel hatte, war die Richtung egal. Sie folgte einem kleinen Weg zwischen den Getreidefeldern, als ein alter Mann sich aufrichtete und sie ansah. Sie begrüßte ihn freundlich. Der Blick des Mannes blieb auf ihrem Anhänger hängen, den Mutter ihr mitgegeben hatte. Es war die Nachbildung eines Anthera-Zweiges. Die Augen des Mannes wurden groß: „Die Wandernde!“, hauchte er. Und aufgeregt rief er lauter: „Kommt doch und seht! Die Wandernde ist hier!“ Niemand antwortete ihm, denn die anderen waren schon voraus ins Dorf gegangen.

Es dämmerte schon und der alte Mann hatte schwer zu tragen. Also saß Anela ab und bot an, die Ernte auf Südwinds Rücken zu laden, denn der alte Mann bestand darauf, dass Anela bei ihm übernachten sollte. Seine Augen leuchteten. Wer konnte schon von sich sagen, dass ihm die künftige Königin bei der Arbeit geholfen hatte? Er nahm dankbar an und die beiden gingen ins Dorf. Die Leute liefen zusammen und begrüßten Anela, als wäre sie ein Wesen aus einer anderen Welt. Ein Fest wurde gefeiert, denn die Menschen glaubten, dass es viele Jahre Glück bedeutete, wenn die künftige Königin auf ihrer Wanderung vorbei kam. Als sie am nächsten Tag Abschied nahm, war sie wohl versehen mit Vorräten und allerlei Nützlichem für die Reise. Die Nachricht, dass die Thronfolgerin wandert, war offenbar noch schneller als Südwind, denn in jedem Dorf, in jeder Stadt in die sie einkehrte, wurde sie bereits erwartet.

Auch wenn sie kein Ziel hatte, so ging sie doch in eine bestimmte Richtung. Sie folgte dem inneren Ruf und bewegte sich immer weiter auf die Mitte des Reiches zu. Den Fluss mit der lichten Auenlandschaft hatte sie schon mehrere Tage hinter sich gelassen und mit ihm die letzten Dörfer und Gehöfte. Die Bäume standen immer dichter. Eigentlich hätte es dunkler werden müssen, doch die Luft schimmerte in einem silbrigen Licht. An einem kleinen Bach machten sie Rast und Anela war wohl etwas eingenickt, denn sie erwachte von leisen Stimmen. Sie öffnete die Augen und sah ein kleines Männlein, das Südwind eifrig fütterte und tränkte. Ein anderes striegelte Südwind und reinigte ihre Hufe. Nun, Südwind mochte das nicht. Doch das Männlein brachte sie mit einem beherzten Knuffen dazu, das Bein zu heben.

Anela erhob sich langsam und fragte verwundert: „Wer seid ihr und was macht ihr mit meinem Pferd?“, das ältere Männlein, das Südwind fütterte, verbeugte sich leicht und sprach: „Ich bin der Bachkobold und das ist mein Sohn. Ich füttere sie mit Brunnenkresse und Simpu-Algen. Das macht sie stark und schön. Und mein Junge befreit sie von allem Unnötigen, das an ihr haftet.“ „Bachkobolde?“, fragte Anela verwundert, „dann bin ich auf dem Weg in den Zauberwald?“ Der geschäftige Wassergeist nickte. Er kraulte ein letztes Mal Südwinds Ohren, was der sichtlich gefiel und winkte seinem Sohn das es Zeit, sei, in den Bach zurück zu kehren. Ehe er ganz untertauchte sagte er noch: „Wundere dich nicht, wenn Südwind plötzlich sprechen kann. Im Zauberwald werdet auch ihr vom Zauber erfasst und alle Wesen können sprechen.“ Anela dankte dem freundlichen Wassergeist und setzte ihren Weg fort.

Sie ritt tiefer in den Wald und murmelte vor sich hin: „Ich bin gespannt, was wir alles sehen werden.“ „Ich bin auf schon sehr gespannt und freue mich, mit dir zu reisen, Herrin.“, hörte sie Südwind antworten. Im ersten Moment wäre Anela vor Schreck fast von ihrem, nun sprechenden, Pferd gefallen, doch dann erinnerte sie sich, was der Bachkobold gesagt hatte und lächelte. Der Wald wurde immer dichter, doch dank des silbernen Schimmerns konnten sie immer noch gut sehen. Am Wegrand erblickten sie ein seltsames Wesen, das auf einem Stein saß. Es sah aus, wie eine etwa halb kniehohe Flamme, aber mit Armen und Beinen und einem Gesicht. Anela saß ab und trat mit Südwind vorsichtig näher, um sich das Kerlchen genauer anzusehen. Das lächelte und machte auf seinem Stein einladend Platz.

Wie Anelas und Südwinds Reise weiter geht, erfahrt ihr morgen.

Bildquelle: DarkMoonArt_de/pixabay.com

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