Die rauchenden Spiegel

Die rauchenden Spiegel

Shawnee saß in dem klapprigen zweimotorigen Flugzeug und weinte. Ob sie das vor Wut tat, oder weil sie verletzt war, wusste sie selber nicht genau. Ihr Führer durch den Dschungel, ein knorriger alter Indio mit chronisch schlechter Laune und unmöglichen Manieren, hatte sie „Gringa“ genannt! Das war eine abfällige Bezeichnung der mittelamerikanischen Ureinwohner für die Weißen. Aber…Shawnee war keine Weiße! Sie war eine Angehörige des Hopi-Volkes. Und was für eine! Sie hatte das typische dichte, glatte, pechschwarze Haar, die goldbraune Haut und die leicht mandelförmigen Augen. George, ihr Chef, nannte sie deswegen immer „Pocahontas“. Das war schon fies aber “Gringa“!? Das ging gar nicht!

Okay, sie versuchte ihr möglichstes, das Leben einer jungen, erfolgreichen Amerikanerin zu führen. Sie wollte leben, wie die Weißen. Hatte Archäologie und Geschichte studiert, Schwerpunkt: mittel- und südamerikanische Frühgeschichte. Als sich hier ihr Traum von Reichtum, Ruhm und Erfolg aber nicht verwirklichen ließ, wurde sie Schatzjägerin. Ihr exotisch wirkendes Gesicht und ihre atemberaubende Figur hatten ihr schnell Zugang zu reichen Männern und damit dem Jetset verschafft. Dort hatte sie auch George kennengelernt. Ein verwöhnter Multi-Millionär, der alles hatte und Abenteuer suchte. Also leitete er ein Unternehmen für, nun ja, er nannte es „private Forschung und Bergung“. Tatsächlich war Schatzjägerei wohl richtiger. Sie suchten nach legendären Artefakten und verkauften sie dann an den Meistbietenden.

Shawnee hatte mehr lernen und härter arbeiten müssen, als die anderen Studenten. Weil sie eine Hopi war. Dass die indigenen Ureinwohner in den USA immer noch benachteiligt waren, war eine traurige Tatsache. Das kam ihr in gewisser Weise auch zu Gute. Mit ihren gerade Mal 25 Jahren war sie eine der führenden Expertinnen auf ihrem Gebiet. Doch als sie George traf und sich um den Job bewarb zog sie es vor zu behaupten, ihre Eltern seien aus Malaysia eingewandert. Immigrantin war besser als Ureinwohnerin, so dachte sie. Diese Geschichte benutzte sie schon einige Jahre. Ihre Eltern missbilligten dieses Verhalten zutiefst und ihre geliebte Großmutter war sehr enttäuscht und weinte gar, als sie davon hörte. Ab diesem Tag sprach die Großmutter kein Wort mehr mit ihrer Enkelin. Das traf Shawnee schwer. Sie liebte ihre Oma, die die geachtete Schamanin und Älteste der Familie war.

Und nun kam dieser unmögliche Indio daher und nannte sie eine „Gringa“! Als hätte er ihre Gedanken gelesen zischte er: „Das ist es doch, was du unbedingt sein willst, oder? Und jetzt heulst du weil ich dich so nenne!?“ Shawnee musste sich sehr zusammen nehmen, um dem alten Mann nicht mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Wütend löste sie ihren Gurt und ging weiter nach hinten. Sie setzte sich zwischen die verzurrten Ausrüstungsgegenstände und ballte die Fäuste. Es war ja nicht so, dass sie sich schon immer ihrer Abstammung geschämt hatte. Als Kind war das anders. Sie lauschte den Geschichten und Lehren der Großmutter und fühlte sich glücklich, die Erbin einer großen alten Tradition zu sein. Doch dann wurde sie älter, kam ins College und erfuhr Ausgrenzung und Mobbing dafür, dass sie eine „Rothaut“ war. Sie sah, wie die jungen Leute ihres Volkes, desillusioniert sich selbst aufgaben. Entweder „Indianerschmuck“ für die Weißen für einen Hungerlohn fertigten, oder sich auf „Indianershows“ lächerlich machten, oder gleich in die Kriminalität und die Sucht abstürzten.

Nein, das wollte sie nicht! Wenn es das war, was eine Native erwartete, dann wollte sie keine sein! Und so begann sie, ihre wahre Abstammung zu verleugnen. Lange Jahre ging das gut, denn die Eltern und auch Großmutter wollten nicht allzu viel mit der weißen Gesellschaft zu tun haben. Doch dann kam ihr Universitätsabschluss. Mit Suma cum laude! Und die Familie war dabei. Sie war so stolz. Bis der Dekan unbeabsichtigt ihre Lüge verriet. Nein, Vater und Mutter ließen sie nicht auffliegen. Doch sie sahen Shawnee an, als hätte sie ihnen einen Dolch ins Herz gestoßen. Und Großmutter? Sie sah sie ab diesem Moment gar nicht mehr an.

Shawnee hatte das Beste gewollt und das Schlimmste getan. Sie hatte sich selbst und ihre Familie verleugnet und verraten. Schmerz jagte durch ihre Seele und sie bemerkte gar nicht, wie aus dem ruppigen Flug ein echter Absturz wurde. Einen kurzen Moment fragte sie sich, warum alle an Bord so schrien, dann traf sie ein mächtiger Schlag am Kopf und sie sank in Schwärze….

Nach einer Weile erwachte sie am Boden, mitten im Wald. Halb setzte sie sich auf und sah, dass sie auf einer Lichtung lag. Nach einer Weile gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und sie erkannte hinter sich eine Steinformation. Ein Felsen oder ein Tempel? Sie wusste es nicht. Nur, dass die bogenförmige Dunkelheit im unteren Teil der Formation ein Eingang war. Die ungewohnten Geräusche beunruhigten sie. Sie hörte Affen kreischen und allerlei Tiere durch den Dschungel tappen. Was das wohl war? Und wie groß? Als sie in der Nähe ein Fauchen hörte, rappelte sie sich auf und schwankte in Richtung des Eingangs. Eine Begegnung mit einem Jaguar hatte ihr gerade noch gefehlt!

Sie konnte aufrecht hinein gehen und tastete sich in der Dunkelheit vorwärts. Stolpernd und rutschend erreichte sie schließlich eine Art Saal, der vom Licht des Vollmondes schwach erleuchtet war. Sie schaute nach oben und sah, dass die Decke des Saales aus zerklüftetem Fels bestand. Nicht behauen, was sie sehr beruhigte. Denn darum war davon auszugehen, dass die löcherige Decke trotzdem stabil war. Sie fühlte ein Kribbeln auf ihrer Haut und sah sich um. Ein Stück hinter sich erkannte sie drei hohe, ovale, tiefschwarze Gebilde, von denen Rauch aufstieg. „Etznab! Der Saal der rauchenden Spiegel!“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie vertrieb den Gedanken sofort wieder. Das war doch nur eine alte Legende, oder nicht? Wer glaubte schon an eine Grotte, in der drei Spiegel standen. Einer zeigt, was man sein wollte, einer, was man fürchtete, einer, was man war. Und wenn man mal dort landete, konnte man nur durch einen der Spiegel wieder hinaus. Welchen auch immer man wählte, man wählte damit sein Schicksal, zumindest für dieses Leben.

Shawnee schauderte. Nein, das MUSSTE einfach nur ein altes Indianermärchen sein! Sie stand auf und wollte aus der Grotte hinaus, als sie in goldgelbe Augen blickte. Wenig später blitzen sie schneeweiße, messerscharfe Fangzähne an, denn der schwarze Jaguar, der ihr offenbar gefolgt war, fauchte sie zornig an. Shawnee wich zurück. Der Jaguar schnupperte mit gesenktem Kopf und ging mit angelegten Ohren langsam auf sie zu. Immer weiter wich Shawnee zurück, kalter Angstschweiß rann über ihren Rücken. Der Jaguar starrte in ihre Augen. Er machte keine Anstalten, sie anzugreifen, doch er würde sie auch nicht an sich vorbei lassen, das wusste sie genau. Ihre Hand berührte etwas metallisches. „Die Spiegel stehen auf goldenen Füßen, richtig!“, dachte sie panisch. Um keinen Preis, niemals wollte sie hinein sehen. Sie wusste, wer sie war!

Der Jaguar legte sich träge auf die Seite und sah sie spöttisch an. „Geh doch einfach,“ flehte Shawnee. Doch der dachte ja nicht daran. In aller Ruhe begann er, sein nachtschwarzes Fell zu putzen. Shawnee seufzte. Na gut! Wenn sie nur durch einen Spiegel hinaus kam, dann eben so. Was sollte schon geschehen? Sie stand auf und ging mit gesenktem Blick zum ersten Spiegel. Sie atmete sehr tief durch. War ihr Kopf schon immer so schwer gewesen? Es kostete sie alle Kraft, den Blick zu heben. Und dann sah sie sich. Auf einer exklusiven Party, mit teurer Kleidung und edlem Schmuck. Sie lachte und trank. Shawnee grinste zufrieden. Ja, das wollte sie sein. Doch dann…sah sie ihre Augen. Sie waren kalt und leer. Shawnee wich zurück. Das wollte sie sein?! Wirklich? Sie ging zum nächsten Spiegel.

Es dauerte ein wenig, bis sie erkannte, dass der Rauch nicht der des Spiegels war. Sie sah sich in einer herunter gekommenen Kneipe. Zigarettenrauch in der Luft, vor sich…ein Päckchen Kokain. Das brauchte sie, um die Freier zu ertragen. Sie war sehr gefragt als Prostituierte und so manches Mal kam sie grün und blau geschlagen zurück, wenn der Freier sie als „Indianer-Hure“ erkannt hatte. Shawnee, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte laut. Das war das Bild, dass einer ihrer College-Lehrer für ihre Zukunft gemalt hatte! Sie war damals entsetzt aus dem Unterricht geflohen und tagelang nicht wieder gekommen. „Da habe ich beschlossen, dass ich keine Hopi mehr sein will,“ erkannte die junge Frau.

Shawnee zitterte heftig und kämpfte verbissen gegen einen gewaltigen Brechreiz an. Da fühlte sie plötzlich etwas weiches an ihrem Bein. Sie sah zur Seite und fand den Jaguar neben sich, der seinen Kopf an sie lehnte. Es fühlte sich fast tröstlich an. Shawnee legte langsam die Hand auf den Kopf der großen Katze, die anfing zu schnurren. Das weiche, warme Fell und das leise Schnurren halfen der jungen Frau, wieder zur Ruhe zu kommen. Sie atmete tief durch und ging zum dritten Spiegel, der Jaguar dicht neben ihr, als wollte er ihr beistehen. Zuerst erkannte sie Sterne im Spiegel. Nun, die Hopi waren überzeugt, von den Sternen zu kommen. Und dann erblickte sie eine alte Frau mit silbergrauem Haar. Sie vollzog unter dem vollen Mond eine Zeremonie. Ganz im Einklang mit sich und der Natur. Sanft und doch stark. „Großmutter!“, wimmerte Shawnee bei dem Anblick. Doch dann drehte sich die Frau im Spiegel um. Ihre Augen waren voller Weisheit und Macht. Das war nicht Oma, sie, Shawnee, war es! Ein Lächeln umspielte ihre Züge und mit einem Wink scharte sie eine Gruppe Mädchen und Jungen um sich, um mit ihnen das Mondlied zu singen. Shawnee begann jetzt haltlos zu weinen und sank auf die Knie. Ihr Herz zerriss fast vor Sehnsucht. Ja, das da im Spiegel, das war sie!

Sie versuchte wieder auf die Beine zu kommen, doch sie zitterte zu sehr. Also stützte sie sich auf die Schulter des schwarzen Jaguars, der sie gewähren ließ. Schwankend ging sie auf das Bild im dritten Spiegel zu. Sie hob die Hände und wagte doch nicht, es zu berühren. Wie konnte sie, die ihre Abstammung verleugnete, eine geehrte Älteste werden!? Der Jaguar stubste sie sanft und grollte leise. Shawnee sah ihn an und sagte: „Du hast Recht, weißt du? Ich muss es berühren um zu sehen, ob ich es annehmen darf.“ Sie holte sehr tief Luft und ging auf das Bild zu. Die alte Shawnee im Spiegel sah sie an und breitete lächelnd die Arme aus. Und mit einem Ruck warf sich die junge Shawnee hinein. Es prickelte, vibrierte und Sterne und Galaxien tanzten um sie, während sie stürzte…

Shawnee! Atme!!!  VERDAMMT NOCH MAL SHAWNEE! MACH SCHON!!!“, hörte sie jemanden brüllen. Dann schlug ihr jemand auf die Brust und im nächsten Moment presste sich ein Mund auf ihren. Okay, das war jetzt  genug! Mit einem Ruck stieß Shawnee, wenn auch immer, von sich und öffnete die Augen. George beugte sich über sie und grinste schief: „Du hast mir einen Riesenschreck eingejagt, Pocahontas! Mach so was nie wieder, hörst du?“ Shawnee lächelte schwach. Als sie aufstehen wollte, explodierte Schmerz in ihrem Kopf und George hielt sie zurück. “Bleib liegen, du musst dich ausruhen. Hast einen ordentlichen Schlag an den Kopf bekommen. Sogar ohnmächtig warst du, als wir dich aus dem Flugzeug holten. Und dann, hörtest du auch noch auf zu atmen! Aber der alte Indianerkauz meint, du wirst wieder. Musst nur ruhen und trinken.” George plapperte, wenn er sehr aufgeregt war.

Der alte Indio hatte sich neben sie gesetzt und reichte ihr einen Becher mit Tee. Sie trank in kleinen Schlucken mit niedergeschlagenen Augen. Als er sie zurück sinken ließ, trafen sich ihre Blicke für einen Moment. Wärme flutete ihr aus den Augen des alten Mannes entgegen. „Schlaf jetzt, mein Kind. Dies ist ein neues Leben. DEIN Leben!“, flüsterte er. Und für einen Moment glaubte Shawnee, die Augen des schwarzen Jaguars in seinen zu sehen.

 

Bildquelle: TheDigitalArtist/pixabay.com

3 Gedanken zu „Die rauchenden Spiegel

  1. WOW… liebe Katharina… Gänsehaut beim Lesen und hineinfühlen…
    Ich sah mich einmal während einer – per CD – Rückführung als ein Medizinmann bei den Indianern… wundert dich das, mich nicht 😉

    Sei lieb gegrüßt in deinen Tag….
    Herzlichst
    Elke

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