Lenaras große Jagd

Lenaras große Jagd

Vor sehr langer Zeit wurde ein außergewöhnliches Mädchen geboren. Ihre Mutter war die geehrte und geachtete Hexe des Dorfes, ihr Vater der königliche Hofjäger, so sagte man. Lenara lebte mit ihrer Mutter in einem kleinen Häuschen auf einer Lichtung, nahe am Waldrand. Immer wieder kamen die Leute aus dem Dorf, aber auch Reisende von weit her, die Lenaras Mutter um Hilfe baten. Und so wuchs Lenara auf mit den Kenntnissen um das Gleichgewicht der Naturkräfte, die in allem, auch in den Seelen der Menschen, wirkten. Sie lernte schon früh in ihrem Leben Heilkräuter kennen und mit den Waldgeistern zu sprechen.

Als Lenara älter wurde, sie war etwa sechs Jahre alt, als es zum ersten Mal geschah, entwickelte sie eine besondere Gabe. Lenara konnte Fährten lesen. Und nicht nur die Spuren aus Fußabdrücken und umgeknickten Zweigen im Wald, nein. Sie konnte die leuchtenden Spuren, die Menschen, Tiere und andere Wesen auf ihren Wegen hinterließen, erkennen. Aufgeregt erzählte sie ihrer Mutter von den leuchtenden Spuren, den Klängen und dem bestimmten Gefühl, dass ein jedes Wesen als Spur hinterlässt, und dass sie diese Dinge wahrnehmen konnte. Mutter war sehr stolz und ermunterte ihre Tochter, diese Gabe zu üben und zu erforschen. So wurde es Lenara möglich, absolut jedes Geschöpf aufzuspüren. Und nicht nur das. Sie erkannte den Zustand und die Absichten, woher es kam und wohin es ging.

Bald schon hatte auch die kleine Lenara einen Ruf im Dorf. Sie fand verirrte Kinder, entlaufene Haustiere und auch so manchen verwirrten Greis, der einfach in den Wald gelaufen und sich verirrt hatte. Mit der Zeit schien es, als würde der ganze Wald mit Lenara sprechen. So begann sie zu fühlen, wann man nicht in bestimmte Bereiche gehen sollte, oder auch, wo man bestimmte Wurzeln und Beeren finden konnte. Sie wusste, wann der König im Wald jagte und auch wo. Leider war der König kein großer Naturfreund und, nun ja, dumm. So jagte er mit Vorliebe den mächtigen Hirsch während der Brunftzeit oder neugeborene Wolfswelpen, die er dann an seinem Hof hielt, bis er ihrer überdrüssig wurde und sie töten und häuten ließ. Wann immer der König einen neuen Wolfspelz trug ließ er verlauten, er habe das Reich von einer blutrünstigen Bestie befreit.

Nein, Lenara war keine Verehrerin des Königs, wahrlich nicht. Und so begann sie ihre Gabe zu nutzen, um hinter dem König her zu schleichen und seine Jagdbeute zu vertreiben. Es gab einen Bereich im Wald, tief in der grünen Dämmerung, da veränderte sich die Atmosphäre. Ein kleiner See lag dort und schroffe Felsen waren verstreut, als hätte ein Riese sie dorthin geworfen. Die Luft dort schimmerte eigenartig und es lag ein magischer Klang in der Luft. Jemand wohnte dort, das fühlte Lenara. Jemand, der groß und sehr mächtig war. Größer als sie, das Dorf oder gar der König. Manchmal saß sie an der Schwelle der unsichtbaren Grenze und öffnete ihre Sinne. Dann nahm sie ein heißes, goldenes Licht wahr, das trotz Hitze und Strahlkraft weder blendete noch verbrannte. Den, dem diese machtvolle Präsenz gehörte, bekam sie allerdings nie zu Gesicht.

Sie fragte ihre Mutter und auch die Leute im Dorf, doch niemand wollte ihr erzählen, wer dort wohnte. Auch wenn Lenara einige Male das Gefühl hatte, dass der Gefragte genau Bescheid wusste. Ob es ein Drache war? Eines jener legendären, uralten Wesen, die aus den Naturkräften selbst geboren waren? Wild, frei und sehr weise wären sie, erzählte man. Den Menschen mit reinem Herzen ein Segen. Selten zeigten sie sich oder griffen gar ein. Aber wenn, dann veränderte das alles.

Lenara wurde erwachsen und der König wurde immer gieriger und brutaler. Er erstickte das Dorf fast mit Steuern und Abgaben. Wenn ihm der Sinn danach stand, ließ er junge Frauen und Männer stehlen. Die jungen Leute kamen nie wieder zurück und niemand wusste, was aus ihnen wurde. Oftmals hörte Lenara die Menschen weinen und schreien, wenn sie zu ihrer Mutter kamen, die die Gabe besaß, ihren Geist auszuschicken um zu sehen, was an anderen Orten war. Auch Mutter hatte tiefe Kummerfalten im Gesicht, seit sie auf diese Weise nach den gestohlenen Jungen und Mädchen suchte.
Eines Tages, Lenara war gerade auf dem Heimweg von einem ihrer langen Streifzüge durch den Wald, fühlte sie plötzlich einen heftigen Stich in ihrer Brust. Sie sog zischend die Luft ein, so heftig schmerzte es. Und dabei roch sie es. Rauch! Feuer! Sie brauchte ihre Gabe nicht zu bemühen um zu wissen, dass das Dorf in Flammen stand. Sie rannte so schnell sie konnte und blieb auf der Lichtung wie angewurzelt stehen. Ein Soldat ritt geradewegs in das Haus ihrer Mutter! Es polterte, klirrte und krachte. Sie hörte die Mutter schreien und im nächsten Moment kam der Soldat wieder heraus. Seine Faust ins lange Haar von Lenaras Mutter gekrallt, zerrte er die Hexe lachend und johlend neben sich her. Einen Moment fühlte sie den heißen, blauen Sonnenstrahl des Blickes ihrer Mutter. In ihrem Geist hörte sie: „Lauf! Lauf so weit du kannst und komme erst am dritten Morgen wieder!!“ Lenara presste die Hände auf den Mund um einen Schrei aus Wut und Verzweiflung zu unterdrücken und dann…erfüllte sie Mutters Wunsch von dem sie wusste, dass es ihr letzter gewesen war.

In den drei Tagen im Wald ging Lenara durch die Hölle. Ihre Seele wurde wieder und wieder zerrissen in Trauer, Wut und Selbstvorwürfen. Wie hatte sie so lange im Wald bleiben können!? Es war doch ihre Pflicht, auf Mutter zu achten! Sie war so müde und schwach geworden in den letzten Monaten. Und das Dorf? Wer hatte es ausgelöscht? Trauer und Selbsthass wurden zu einem gewaltigen, glühenden, schwarzen Klumpen in Lenaras einstmals strahlendem Geist. Sie wollte Rache! Und sie würde sie bekommen. Wozu war sie Fährtenleserin? Sie würde die Spur aufnehmen und nicht ruhen, bis der oder die Täter für jeden Schmerzensschrei, für jede Träne, gebüßt hatten!

Sie machte sich auf den Weg zum Dorf, den Blick auf den Boden gesenkt, die Seele kochend vor Wut und Hass. Sie bemerkte gar nicht, dass die Tiere des Waldes, die sie immer als ihresgleichen betrachtet hatten, entsetzt vor ihr flohen. Sicherheitshalber ging sie um das völlig zerstörte Dorf herum und näherte sich von der alten Handelsstraße aus, die dem Wald gegenüber lag.

Ein Trupp Händler kam vorbei und Lenara verbarg sich im Gebüsch. Sie hörte die Männer sagen, dass der König die größte Jagd aller Zeiten ausgerufen hätte. Der Erdfeuerdrache der im Wald lebte, sollte zur Strecke gebracht werden, da er das Dorf am Wald ausgelöscht hatte. Lenaras Herz wurde kalt wie Stahl. Also doch! Ein Drache. Und sie, Lenara, hatte von ihm gewusst. Hatte ihn nicht getötet und so….das Dorf auf dem Gewissen. Die junge Frau biss die Zähne so fest zusammen, dass ihre Kiefer knackten. Der Drache gehörte ihr! Nur ihr. Und im Gegensatz zu den Jägern des Königs wusste sie, wo er war. Sie schlich lautlos zu dem, was vom Haus ihrer Mutter übrig war und begann in den verstreuten Säcken und Kisten zu wühlen. Mutter hatte doch einen magischen Dolch gehabt! Wie war das noch? „Vergifte ihn mit dem Hass in deinem Inneren, und du kannst selbst einen Gott damit töten!“ Nun, das sollte wohl für den Drachen reichen.

Stundenlang suchte sie, doch sie fand den Dolch nicht. Schließlich war sie so erschöpft, dass sie sich aus den Trümmern des Hauses einen Unterschlupf baute und wie betäubt niedersank. Es dauerte, bis der Schlaf endlich kam und mit ihm….ein Traum. In diesem Traum pirschte Lenara durch den Wald, zumindest glaubte sie das. Es roch wie immer, klang wie immer, doch Lenara war blind. Sie konnte absolut nichts sehen und sie suchte etwas, doch sie wusste nicht, was. Über ihr hörte sie das Rauschen von gewaltigen Flügeln. Etwas landete vor ihr und riss sie von den Füßen. „Nun, Jägerin?“, hörte sie eine Stimme, so tief, das die Erde bebte, „wie steht es mit deiner Beute? Siehst du, was du jagst?“ „Das muss ich nicht“, zischte Lenara zurück, „denn ich weiß es! Du bist es! Und ich werde dich töten!“ Es raschelte vor ihr und sie fühlte den glühenden Atem des Drachen in ihrem Gesicht. „Womit, willst du mich töten? Mit deinem Hass? Der wird wohl eher dich töten, kleines Menschlein!“

Verhöhnte der Drache sie etwa? Sie versuchte nach ihm zu treten, doch sie konnte sich nicht bewegen. Sie kämpfte verzweifelt gegen die Lähmung und schrie: „Gib mich frei, du Feigling! Du hast das Dorf vernichtet!“ „Habe ich das?“, fragte der Drache erstaunt, „und woher weißt du das? Du warst nicht dabei, oder?“ Lenara schwieg verbissen. „Wenn du mich findest, wirst du auch das finden, was mich tötet. Doch vorher wirst du mich anhören!“, donnerte der Drache. Er erhob sich, Äste knackten und ein ohrenbetäubendes Brüllen war zu hören und dann….Stille. Absolute Stille. Lenara konnte sich wieder bewegen und erwachte mit rasendem Herzen. Es dämmerte noch nicht einmal, doch sie machte sich auf den Weg.

Es war weit bis zum Waldsee doch diesmal schien ihr der Weg endlos. Mehr als einmal musste sie Jagdtrupps des Königs aus dem Weg gehen. Sie schnaubte verächtlich als sie die verängstigten Männer sah, die im Zickzack durch den Wald liefen und inständig hofften, auch heute nicht zu finden, was sie suchen sollten. Nun, das war gut, denn der Drache war ihre Beute. Lenara lief und lief doch es schien, als käme sie nicht von der Stelle. Es wurde schon wieder Abend und sie war immer noch nicht am See. Wie konnte das sein? Sie kannte doch den Weg und war weder verletzt noch über Nacht zur Greisin geworden. Es half nichts, sie musste lagern. Denn zu allem Überfluss wurde diese Sommernacht so stockdunkel wie eine Neumondnacht im tiefsten Winter. Sie aß ein paar Beeren und legte sich schließlich ins weiche Moos. Und wieder träumte sie.

Diesmal sah sie den Drachen. Er war schwarz wie fruchtbare Muttererde und goldene Muster zogen sich geradezu kunstvoll über seinen Leib. Seine Augen schimmerten goldbraun und sein Gesicht war….nun es war….freundlich! Lenara war entsetzt. Wie konnte dieses Scheusal freundlich aussehen!? Der Drache hob elegant eine Augenbraue und legte den Kopf schief, wie ein Hundewelpe der spielen wollte. Lenara tat ihr Äußerstes, um ein Lächeln zu unterdrücken. Eine Weile sah sie den Drachen an und sagte schließlich unsicher: „Ich kenne den Weg zu dir doch ich kann ihn nicht gehen.“ Der Drache legte sich vor Lenara nieder und sah sie aufmerksam an. „Wohin willst du denn eigentlich?“, fragte er. Lenaras Kopf schoss hoch: „Zu dir!“, zischte sie. „Wirklich?“, fragte der Drache nachdenklich. Lenara suchte unauffällig nach einem Stein, um ihn nach dem Drachen zu werfen. Sie fand einen und warf. Der Drache sprang auf und fing ihn, wie ein übermütiger Hund. Brachte den Stein zu Lenara und stupste sie, wie es ihr Hund tat, wenn sie das Stöckchen erneut werfen sollte. Jetzt lachte Lenara und tat dem Drachen den Gefallen. Doch diesmal warf sie den Stein weiter und der Drache stob hinterher.

Als der Drache den Stein wieder brachte, legte er sich vor Lenara nieder. „Wohin willst du, Lenara? Wen suchst du?“, fragte das gewaltige Tier so sanft, dass der ganze Schmerz in Lenaras Herz aufbrach und sie haltlos zu weinen begann. „Zu dir!“, kreischte sie. „Wohin willst du?“, fragte der Drache erneut und hob einen Flügel um Lenara Schutz vor dem aufkommenden Regen zu bieten. Lenara begann heftig zu zittern und schluchzte: „Ich will zu dir.“ Da schloss der Drache den Flügel und zog sie an sich. Sie schmiegte sich an den warmen Drachenleib, drängte sich regelrecht an ihn und der ruhige, dröhnende Herzschlag des Erddrachen schenkte ihr Trost. Plötzlich hob sie den Kopf: „Es waren zwei Fragen,“ hauchte sie. „Ich will zu dir und ich suche den Verantwortlichen für die Zerstörung des Dorfes und meiner Familie.“ Eine Woge des Mitgefühls traf sie, direkt aus dem Drachenherz. Sie kauerte sich zusammen und brennende Scham überkam sie, denn sie verstand, warum sie nicht zum Drachen konnte. Er hatte nichts getan. Vielmehr hatte der König das Dorf niederbrennen lassen, um die Jagd auf den Drachen auszulösen. „Du musst wählen“, grollte die tiefe Stimme des Drachen. „Du kannst nur einen Weg gehen.“ Lenara fühlte, wie die Wärme des Drachen ihr eisiges Herz umfing und schlief ein. Seit einiger Zeit das erste Mal friedlich und erholsam.

Am nächsten Morgen erwachte sie erholt. Als sie aufstand bemerkte sie, dass sie genau auf der Rückseite eines der Findlinge am See geschlafen hatte! Sie war schon angekommen gewesen, ohne dass sie es bemerkt hatte. Seufzend streckte sie sich und kletterte über den Findling. Am Seeufer sah sie sich einen Moment um, als ein Stein gegen ihren Fuß kullerte. Sie drehte sich um und sah den Drachen, der erwartungsvoll in ihre Richtung schnupperte. Einen Moment stand Lenara wie angewurzelt, denn das Tier war genauso schön, groß und, nun ja, verspielt, wie in ihrem Traum. Der Drache spitzte die Ohren und legte den Kopf schief: „Natürlich sehe ich genauso aus wie ich! Das tust du doch auch. Oh! Du wusstest nicht, dass wir Drachen in eure Träume kommen können, nicht wahr?“ Lenara schüttelte den Kopf.

Der Drache senkte anmutig den Kopf und nahm etwas zwischen die Zähne. Er ging leichtfüßig zu Lenara und legte es neben sie auf den Stein. Lenara sah zur Seite und erkannte eine Pfeilspitze, gefertigt aus Silber und Gold. Sie sah den Drachen groß an der sagte: „Wir nehmen auch unsere Versprechen sehr ernst. Ich sagte dir, ich würde dir geben, womit du mich töten kannst. Diese Pfeilspitze bringt mich um, egal wo sie mich trifft. Nur, wie schnell ich sterbe ist unterschiedlich. Am schnellsten geht es, wenn du mein Herz triffst.“ Mit diesen Worten drehte der Drache sich leicht seitwärts und hob einen Flügel. „Da du mich gefunden und nun auch den tödlichen Pfeil hast, ist es deine Entscheidung, Jägerin.“ Lenaras Augen füllten sich mit Tränen. „Und dies musst du hören:“, fuhr der Drache fort, „In gewisser Weise habe ich das Dorf vernichtet und deine Mutter getötet. Sie war meine Wächterin und weigerte sich standhaft, mich zu verraten. Ebenso, wie die Menschen im Dorf. Der König jagt mich schon lange, denn er mag der Herrscher hier sein, ich aber bin der Wächter dieses Landes. Ich hüte das Gleichgewicht und wenn es gestört wird, verhindere ich das. Ich warnte den König bereits zweimal. Dass ich ihn vernichten würde, wenn er weiter tut, was er tut. Doch er beschloss in seinem Hochmut meinen Tod. Und jetzt, Lenara, musst du entscheiden. Willst du die Vollstreckerin seines Willens sein? Deine Rache üben? Oder willst du heilen?“

Lenara starrte auf die Pfeilspitze in ihrer Hand. Sie schloss die Faust so fest darum, das Blut hervor quoll. Schließlich flüsterte sie: „Du hast niemandem etwas zu Leide getan. Und meine Mutter und die Dorfbewohner, sie starben, weil sie das Richtige taten. Und ich will sie ehren, indem ich ebenfalls das Richtige tue.“ Die junge Jägerin schwankte und zitterte, als sie eine hauchzarte Berührung an ihrer Wange fühlte. Der Drache schnupperte an ihrem Gesicht. „In mir,“ flüsterte er, „ist das Feuer des Lebens. Nicht das des Todes. Es kann alles heilen. Auch die Schmerzen, die eine vergiftete Seele leidet. Doch dazu muss man darin brennen. Bist du dazu bereit?“ Lenara nickte schweigend. „Halte die Pfeilspitze fest,“ sagte der Drache. Lenara gehorchte und ehe sie etwas sagen oder tun konnte, umfing sie gleißendes goldenes Licht. Gewaltige Hitze, die nicht schmerzte oder verbrannte. Einen Moment fühlte sie glühendes Stechen in ihrer Hand und dann war die Pfeilspitze weg. Stattdessen erschien ein Mal in ihrer Handfläche, golden und silbern zugleich.

Sie wusste in ihrem Inneren, was immer mit diesem Mal in Berührung kam, wurde sofort ausgeglichen. Sie sah zum Drachen, der jetzt vor ihr lag und sie aufmerksam betrachtete. Lenara streckte die Hand aus, um den gewaltigen Kopf zu berühren und der Drache legte seine Wange in Lenaras Hand wie ein verschmustes Kätzchen. Sie lächelte und sagte schließlich: „Ich habe kein zu Hause mehr. Kein Dorf, dessen Jägerin ich sein kann. Erlaubst du mir, meiner Mutter nachzufolgen und deine Wächterin zu werden?“ Die goldenen Muster auf dem schwarzen Drachenleib begannen zu schimmern und der Drache sprach: „Es gibt eine alte Prophezeiung, weißt du? Dereinst, so lautet sie, wird mich die Tochter meiner Hüterin töten. Oder meine neue Hüterin werden. So oder so wird es dann Zeit sein, diesen Ort zu verlassen. Bist du auch dazu bereit, Lenara? Mit mir fort zu gehen? Auf den uralten geheimen Pfaden der Macht zu wandern?“ Lenara nickte.

Dann,“ sprach der Drache, „beginnt jetzt deine größte Jagd. Die, nach Weisheit und nach dir selbst. Sie wird dich fordern. Doch ich werde bei dir sein. Dich tragen und schützen.“ Lenaras Augen wurden groß. „Doch wisse!“, rief der Drache und schnellte seinen Kopf hoch, „ich verlange etwas dafür!“ Lenara schluckte. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um dem Drachen in die Augen zu sehen und flüsterte: „Was forderst du? Ich werde es tun, wenn ich kann.“ Der Drache kam näher, kniff die Augen zusammen und grollte: „Wirst du für mich Steine werfen, damit ich sie zurück bringen kann?“ Einen Moment starrte Lenara den Drachen mit offenem Mund an. Doch als sie das fröhliche Glitzern in den Augen des Tieres sah, musste sie lachen. Und auch der Drache lachte, so dass der Wald erbebte und glitzerte.

Ein letztes Mal ordneten sich die Steine auf der Wiese neu an und öffneten einen schimmernden Weg. Wohin er führte? Das ist nicht bekannt. Nur, dass der Erdfeuerdrache und seine neue Wächterin in betraten und für Jahrtausende gemeinsam darauf wanderten. Manchmal trat Lenara in die Welt der Menschen. Berührte eine Seele, die wahrhaft heilen will, mit ihrem Mal und öffnete so den Weg. Vielleicht wandern die beiden noch. Und vielleicht heilen auch heute noch Seelen, die den Mut zur Klarheit haben und sich der Macht der Harmonie zu stellen bereit sind.

Bild: mila-del-monte/ pixabay.com

5 Gedanken zu „Lenaras große Jagd

  1. Danke, liebe Katharina…
    eine sehr tiefe und aussagekräftige Geschichte,
    die du da wieder gezaubert hast! 😊
    Sei herzlich gegrüßt,
    Elke

    1. Ich habe nach Deinem Hinweis per Mail die Einstellungen überprüft und da war tatsächlich ein der späten Stunde bei der Neueinrichtung geschuldet Fehler drin. Vielen Dank dafür. 😘

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