Der blinde Heiler Teil 2

Der blinde Heiler Teil 2

Der General hätte fast wieder geschluchzt, diesmal vor Erleichterung, dass der Heiler keinen Moment gezögert hatte. Er half Simon auf ein Pferd und sie machten sich sofort auf den Weg in den Palast. Auf dem Weg berichtete der General, dass die berühmtesten und fähigsten Ärzte des Landes beim besten Willen nicht herausfinden konnten, woran der Kaiser litt. Er wurde immer schwächer, war ungewohnt launisch und litt unter schrecklichen Schmerzen in der Brust, obwohl sein Herz ganz normal schlug. Glühende Eisen schienen manche Tage in des Kaisers Kopf zu stecken, denn er wimmerte vor Schmerzen wie ein Kind oder verlor sogar zeitweise das Augenlicht. Obwohl er ungeheure Mengen an Essen verschlang, wurde der Kaiser immer dünner und schwächer und er schien an so manchem Tag um Jahre zu altern. Es war ja stockdunkel und Simon war blind, so ließ der General seinen stillen Tränen freien Lauf. Plötzlich fühlte er die Hand des Heilers auf seiner. Trost und Zuversicht begannen das vor Sorgen schmerzende Herz des Generals zu umfließen und er hob erstaunt die Brauen, als der blinde Heiler um Eile bat. Natürlich kam der alte Krieger diesem Wunsch gerne nach und so jagte der kleine Trupp im Galopp auf die Hauptstadt zu, die sie am Mittag des folgenden Tages erreichten.

Simon bat darum, den Kaiser sofort sehen zu dürfen. Als er in das Schlafzimmer des Herrschers geführt wurde, roch Simon den Tod. Langsam näherte er sich dem Kaiser, der auf viele Kissen gestützt in seinem Bett vor sich hin dämmerte. „Herr?“, flüsterte Simon,“ ich bin Simon, der Heiler. Würdet ihr mit mir sprechen, damit ich euch finden kann? Und darf ich euch berühren? Ich sehe mit den Händen, wisst ihr?“ Der Kaiser schlug die Augen auf und atmete tief ein. Allein Simons Anwesenheit machte es ihm leichter. Und so sprach der Kaiser über die Kochkünste der Kammerfrauen und wie sehr es ihm auf die Nerven ging, hilflos wie ein Kind zu sein. Das Schlafzimmer war groß und Simon war froh über den kaiserlichen Redeschwall, der ihm den Weg zum Bett des Herrschers wies.

Simon setzte sich behutsam neben den Kaiser, der unter der Bewegung des Bettes leise stöhnte. Ganz sacht legte Simon seine Hand auf die knochige Brust des einstmals stattlichen Mannes und lauschte. Nach kurzer Zeit vernahm er in seinem Inneren ein giftiges Zischen. „Verschwinde, blinder Irrer! Oder soll ich dich auch aufzehren!?“ Aha, ein Dämon. Simon hatte das eigentlich erwartet. Und so blieb er still sitzen und fragte durch seine Hand: „Warum bist du hier? Was hat der Kaiser getan um dich anzulocken?“ „Was er getan hat!?“, fauchte es. „Er wird geliebt! Und er liebt! Mich liebt niemand! Und so stehle ich die Liebe des Kaisers. Und sein Leben. Es ist ein helles, edles Leben. Es wird mich mächtig machen. Und geliebt!“ Simon lauschte weiter. Nach kurzem Zögern hörte er, mit deutlicher Frustration: „Leider ist das Herz des Kaisers stark und sein Denken rein. Und so kann ich beides nicht einfach stehlen. Ich muss es ihm abringen. Das kostet Kraft. Aber ich werden siegen! Ich werde Liebe haben im Überfluss! Nur für mich!“ Simon fühlte ein heftiges Stechen in der Hand, offenbar hatte der Dämon ihn gebissen. Nun, das war eine dumme Idee des Dämons, denn nun kannte Simon dessen Energie und es gelang ihm, den Dämon in einen tiefen Schlaf zu senken.

Immer wieder legte Simon den Dämon schlafen und in dieser Zeit konnte auch der Kaiser ruhen. Doch wie sollte er den Dämon entfernen? Simon zerbrach sich den Kopf. Eines Nachts träumte er von Magdalena. Sie sagte im Traum: „Der Stein wird beider Heilung sein!“ Nun, Magdalena und er hatten sich so manchen Abend mit Rätseln vergnügt aber das war das schwierigste, dass er je von ihr bekommen hatte. Simon dachte nach, doch er kam nicht darauf. Als er gedankenverloren nach seinem Teller griff, stieß seine Hand an einen großen Rosenquarz, der als Briefbeschwerer des Kaisers diente. Ein heißer Strom von Liebe schoss durch seinen Arm direkt in sein Herz. Simon schnappte nach Luft unter dieser gewaltigen reinen Liebesenergie. Und er verstand. Den Stein ergreifend sprang er auf und eilte ins Schlafzimmer des Kaisers, der in den letzten Zügen lag. Obwohl der Dämon schlief, war der Kaiser zu Tode geschwächt.

Behutsam legte er den Stein neben den Kaiser und seine andere Hand auf dessen Herz. Er hörte, wie die Anwesenden zischend die Luft einsogen und ehrfürchtig murmelten. Natürlich sah er nicht, dass sich zwischen seinen Händen ein starkes goldenes Licht entzündet hatte, dass Kraft ins Herz des Kaisers sandte und auch, dass der Stein glühte, wie ein Stern konnte der Heiler nicht sehen. Der Dämon erwachte und fauchte Simon an. Der antwortete: „Schau, was ich dir bringe. Du darfst dort hinein aber du musst dort bleiben.“ Nach einer Weile hörte Simon in seinem Inneren ein Flüstern: „Liebe! So viel Liebe und nur für mich?“ Simon nickte. Der Heiler wusste, dass der Dämon seine scharfen Klauen aus dem Herzen des Kaisers zog und zum Stein ging. Ehe der Dämon in den Stein glitt fragte er leise: „Warum?“ Inzwischen liefen die Tränen über Simons Gesicht, denn er spürte die Einsamkeit des Dämons. Er erwiderte: „Weil jeder der sie fühlen kann, ein Recht auf Liebe hat.“ Der Dämon streifte jetzt sehr zart Simons Hand, als er an ihr in den Stein kletterte. Ehe er ganz darin verschwand sagte er zu Simon: „Noch nie hat jemand von euch einen von uns geheilt. Ich habe nicht deine Fähigkeiten, doch wenn du erlaubst, magst du den Stein versiegeln, wie es dir die Hexe gezeigt hat. Ich kann dann nicht heraus doch kann ich für dich sehen und dich vor meinesgleichen schützen. Erlaube mir, dir dankbar zu sein.“ Simon nickte und der Dämon verschwand auf ewig in dem Rosenquarz, den Simon von da an immer bei sich trug.

Es dauerte noch eine Weile, ehe sich der Kaiser von seiner Schwäche erholt hatte und Simon hatte ihn gepflegt, wie es sich für einen Heiler ziemte. Die ganze Zeit war eine junge Frau bei ihm, die er für eine Zofe hielt. Sie half ihm, sich zurecht zu finden und ging ihm zur Hand, wann immer nötig. Er mochte das stille Mädchen und verliebte sich in das sanfte Strahlen ihrer Seele und den melodischen Klang ihrer Stimme. Eines Tages, die Stimme des Kaisers war inzwischen wieder das gewohnte warme Dröhnen geworden, hörte er die so geliebte Frauenstimme sagen: „Vater? Wenn du erlaubst, würde ich gerne Simons Frau werden.“ Der Kaiser und Simon waren beide mit Stummheit geschlagen. Die „Zofe“ war die Tochter des Kaisers? Und sie wollte seine Frau sein?? Und der Kaiser verkraftete mit offenem Mund, dass seine Tochter ihn bat, heiraten zu dürfen? Genau das gleiche Mädchen das bei Feuer und Wind geschworen hatte, niemals einem Mann zu folgen oder zu herrschen??? Du musst nämlich wissen, dass in diesem Reich auf den Thron folgte, wer zuerst unter den kaiserlichen Kindern heiratete.

Ehe Simon seine Sprache wiederfand, packte ihn ein ausgewachsener Bär und drückte ihn an die Brust, zumindest fühlte sich die Umarmung des wieder genesenen Kaisers so an. An Simons Ohr flüsterte der Kaiser: „Du wirst ihrem Wunsch doch entsprechen, oder?“ Simon nickte. „Oh gut!,“ seufzte der Kaiser mit gespielter Erleichterung, „alles andere wäre uns beiden schlecht bekommen. Sie hat auch noch eine Mutter, weißt du?“ Simon lachte leise und bald darauf war Hochzeit am Kaiserhof. Aus dem „blinden Irren“ war der Thronfolger geworden. Und Magdalena, Simons weise Lehrerin selbst, vermählte das junge Paar. Danach ging sie einfach und ward nie wieder gesehen. Simon und seine Gemahlin aber herrschten fast hundert Jahre milde und gerecht, so wie es sein Schwiegervater auch getan hatte. Der Dämon im Stein war zu einem mächtigen und hilfreichen Wesen geworden, das wie versprochen für Simon sah und ein mächtiger Beschützer für das Land wurde. Eine der größten Taten des jetzt gütigen Dämons war….Nun, vielleicht erzähle ich Dir diese Geschichte ein anderes Mal.


Bildquelle: xtinarson/pixabay.com

4 Gedanken zu „Der blinde Heiler Teil 2

  1. Dein Blog, liebe Katharina ist wahrlich(t) ein Geschichten-Zauber-Blog…
    Ich DANKE dir von Herzen… so tiefe Wahrheit und LIEBE ist in, hinter und zwischen deine Zeilen zu lesen und zu spüren…. na eben HEIL-SAME
    Liebes-Energie… 😊
    Hab einen reich gesegneten Abend du LIEBE…
    Herzgrüße
    Elke

  2. Liebe Katharina,
    welch Weisheit und Liebe in dieser Geschichte auf milde überraschende Weise „herrscht“.
    Mir fallen dazu zwei alte und starke Begriffe ein: Demut und Gnade.
    Ich stelle mir spontan vor, wie die Jungs, die den Blinden einst gehänselt hatten, irgendwann zu dem blinden Herrscher kamen und etwas von ihm brauchten… Wie sie vor Respekt und Angst wegen ihres damaligen Verhaltens vielleicht zitterten und er sie gnädig und wohlwollend behandelte in seiner ihm eigenen Güte und Macht, so dass sie viel durch diese Erfahrung mit ihm lernten und kapierten, welch Stärke im „Anders-Sein“ schlummern kann.
    Nie wieder würden sie einen anderen so respektlos behandeln…
    Hm… jetzt ist meine Fantasie sehr lebendig geworden in einer Thematik, die mich sehr berührt. Danke für diese wundervolle, weise Geschichte, liebe Katharina.
    Von Herzen alles Liebe und Gute
    Marina

Schreibe eine Antwort zu Katharina Ewers Antwort abbrechen