Der blinde Heiler Teil 1

Der blinde Heiler Teil 1

Vor sehr langer Zeit wurde ein Kind geboren. Das an sich ist nichts besonderes, und da Du und ich hier beisammen sitzen, dürfte das sehr oft geschehen sein. Doch dieses Kind war ganz besonders, denn der Junge war blind. Wenn man in seine klaren blauen Augen sah, konnte man kaum glauben, dass diese leuchtenden Sterne wirklich nicht sehen sollten. Auch seine Eltern bemerkten erst viel später, dass Simon blind war. Sie liebten ihn sehr und so erschraken sie, dass der sonst so sichere und gewandte Junge in fremder Umgebung praktisch hilflos war. Seine Mutter nahm ihn beiseite, als er einmal wieder gegen einen Tisch gelaufen war und mahnte sanft: „Du musst schauen, wo du hinläufst, mein Liebling.“ Simon drehte seinen Kopf zur Mutter und sagte: „Gern Mama. Was ist ‚schauen‘?“. Simons Mutter schwieg entsetzt. Mit Tränen in den Augen sah sie zu ihrem Mann, der ebenfalls entsetzt schwieg. „Mama? Papa? Was ist passiert? Ist ein wilder Wolf hier? Ich kann gar nichts spüren.“, fragte Simon seine entsetzten Eltern.

„Nein, mein Junge,“ erwiderte der Vater sanft. „Wir sind nur erschrocken und beschämt.“ „Ja, ich weiß,“ antwortete Simon und legte seine Hand an des Vaters Wange. „Ich verstehe nur nicht, warum.“ Der Vater gestand, dass es ihm nie aufgefallen war, das Simon blind war. Und Simon wiederum erzählte seinen Eltern, dass er seine Umgebung fühlen und hören könne. Auf diese Weise „sah“ er die Welt gleichsam. Nur in fremder Umgebung müsse er sich eine Weile zurecht finden und sollte nicht herum rennen, gestand er leicht errötend. „Es macht dir nichts aus?“, fragte die Mutter erstaunt. Simon lächelte und sprach: „Ich bin so geboren, Mama. Das, was ihr „sehen“ nennt kenne ich nicht. Man kann nichts vermissen, was man nicht kennt. Und dass ihr es nicht gemerkt habt könnte doch auch heißen, dass es mir nicht annähernd so sehr fehlt, wie ihr glaubt, oder?“ Trost floss in die Herzen von Simons Eltern. Wie gesagt, er war ein ganz besonderes Kind.

Leider wurde Simon von den anderen, Kindern wie Erwachsenen gehänselt und ausgelacht. Sie legten ihm leise Hindernisse in den Weg und wetteten, ob er nur stolpern oder wirklich fallen würde. Simon wurde immer stiller. Er dachte viel nach und wartete, ohne zu wissen, worauf. Nach einer Weile bemerkte er, dass alles, was er berührte, gleichsam mit ihm sprach. Er lauschte mit seinen Händen und erfuhr nicht nur, wen oder was er da berührte, sondern auch die Geschichte. Bei Menschen fühlte er, was in ihnen vorging, ob sie krank waren oder nicht, bei Steinen oder Pflanzen erfuhr er, wie sie hilfreich und heilsam sein konnten. Wenn er zwei Dinge oder Menschen berührte erfuhr er, wie sie zusammen wirken würden. Er erzählte das ganz aufgeregt seinen Freunden, doch die lachten ihn aus, wie noch nie zuvor. Bewarfen ihn mit Steinen und nannten ihn einen „blinden Irren“.

Von da an blieb Simon allein. Er ging oft in den Wald, denn er liebte es, dem Flüstern der Bäume und dem heiteren Plätschern des Baches oder dem tiefen Schweigen des Waldsees zu zu hören. Eines Tages, er saß wieder an seinem Lieblingsplatz am See, hörte er, wie sich jemand näherte. Langsame, bedachte Schritte hörte er. Und die Stimme einer Frau, die ein Lied summte. Er lauschte und eine freundliche Stimme drang an sein Ohr: „Oh, hallo Simon. Darf ich mich zu dir setzen?“ Der Junge wandte sich der Stimme zu, die Augen leicht nach oben gerichtet: „Ja gern, Großmutter.“ Die alte Frau lächelte warm und sagte: „Ich muss dich warnen, du bist in keiner guten Gesellschaft. Ich bin Magdalena, die verrückte alte Hexe. So nennen sie mich zumindest.“ Simon rümpfte die Nase und erwiderte düster: „Willst du wirklich bei mir sitzen, Großmutter? Ich bin Simon, der blinde Irre.“ Er ließ den Kopf hängen. Ein leises Rascheln verriet ihm, dass Magdalena Platz genommen hatte. Sie fragte ihn, warum er sich denn für einen „blinden Irren“ halte? Und so erzählte er der alten Frau, was sich zugetragen hatte.

Eine Weile schwieg Magdalena. Dann wandte sie sich Simon zu und sprach sanft aber mit großer Autorität: „Sieh mich an Simon! Auf Deine Weise! Und sag mir,was du siehst!“ Der Junge schluckte und hob zögernd die Hand. Federleicht berührte er Magdalenas Wange. Er fühlte die Weisheit, aber auch die Last vieler Jahre. Einsamkeit und zugleich ein gleißendes Leuchten in ihrer Seele. Lange ruhte Simons Hand auf der Wange der alten Frau. Schließlich sagte er leise: „Ich habe noch etwas gesehen. Ein Bild. Du hast mit einem Drachen gekämpft und ihn schließlich zum Haustier gemacht. Ich weiß, dass das ein Symbol ist. Wofür?“ Magdalena schwieg erstaunt. Simon begann unruhig hin und her zu rutschen und murmelte: „Entschuldige bitte. Aber ich sollte alles sagen, was ich sehe.“ Magdalena nahm Simons Hand und nickte. Nach einer Weile sagte sie: „Der Drache ist die Bitternis der Einsamkeit. Des nicht dazu Gehörens. Wir alle begegnen ihm in der einen oder anderen Form. Diejenigen von uns, die besonders sind. So wie du oder auch ich. Als ich verstand, dass ich ihn nicht besiegen kann, dass ich meine Andersartigkeit nicht los werden kann, begrüßte ich sie und nahm sie an.“ „Und so wurde der Drache dein Freund,“ nickte Simon verstehend.

Etwas lauter fuhr Magdalena fort: „Sei nicht traurig und schäme dich nicht mehr, mein Junge. Deine Fähigkeit, mit den Händen zu sehen ist eine große und machtvolle Gabe. Eine sehr seltene, die die wenigsten Menschen haben. Leider verstehen die Unbegabten das nicht und was sie nicht verstehen, hassen oder verspotten sie. Möchtest du von mir lernen? Über Pflanzen, Steine und die Kräfte der Seele? So dass du nicht nur lesen kannst mit deinen Händen sondern auch wandeln?“ Simon sah auf. Sein Herz begann zu springen, wie ein fröhliches Fohlen denn das war es, worauf er gewartet hatte! Er nickte atemlos. Und so kam es, dass Simon, nach einigen Diskussionen mit seinen Eltern, seine Sachen packte und zu Magdalena in den Wald zog. Um der alten Frau zur Hand zu gehen und ihr Gesellschaft zu leisten, natürlich. Dass es teilweise wahr war, was man sagte, dass Magdalena eine mächtige und erfahrene Hexe war und Simon von ihr lernen wollte, verriet er lieber nicht.

Und so begann seine Lehrzeit. Simon lernte, die Rhythmen der Natur zu riechen, zu hören, welche Tageszeit war, wie man eine Pflanze oder einen Stein fragte, ob er oder sie helfen wolle. Und er lernte auch, die Geister in allem Lebendigen zu fühlen, sowie deren Sprachen zu verstehen. Auch über die unheilvollen Geister lernte er. Die, die die Welten durchstreifen und die Seele prüfen oder gar angreifen und die Menschen krank machen oder gar töten können. Es zeigte sich, dass Simon ein außergewöhnliches Gedächtnis hatte. Er merkte sich jedes einzelne von Magdalenas Worten und hütete sie, wie einen Schatz in seiner Seele. Die Blindheit war nun plötzlich Simons Vorteil. Denn er konnte sich sehr gut konzentrieren und wurde nicht von äußeren Dingen abgelenkt. Die Geister akzeptierten ihn und Dank Magdalenas Schulung sah Simon mit seinen Händen bald noch besser, als so mancher andere mit seinen Augen.

Simon wurde zu einem fähigen und gefragten Heiler. Bald schon war er nicht mehr der „blinde Irre“ sondern der „blinde Heiler, der dem Tod sein Opfer sogar noch aus der Hand nehmen kann“. Inzwischen zum jungen Mann gereift, machte Simon keinen Unterschied zwischen Arm und Reich. Wer seine Hilfe erbat, bekam sie. Auch die, die ihn gequält hatten, verwies er nicht der Türe, denn als Magdalena ihn den Alten und Heiligen Eid hatte schwören lassen, gelobte er, seine Kraft niemals eigennützig zu gebrauchen und niemals böswillig vorzuenthalten. Er nahm den Schwur sehr ernst und hielt ihn gewissenhaft.

An einem regnerischen Frühlingsmorgen erwachte Simon schon aufgeregt. Die Luft surrte und er verstand: Heute würde sich sein Leben für immer verändern. Nur in welche Richtung, das verrieten ihm die aufgeregten Windgeister, die ihn umschwirrten nicht. Der Tag verging und als es Abend wurde, klopfte es laut an Simons Tür. Er öffnete und fühlte Autorität….und beißende Verzweiflung. Vor ihm stand der General der Palastwachen des Kaisers. „Wir haben von deinen Heilkünsten bis in die Hauptstadt gehört. Der Kaiser bittet dich demütig um Hilfe.“ Simon hörte ein Knirschen und wusste, dass der General die Zähne heftig zusammen biss um nicht zu schluchzen. Der Heiler hatte gehört, dass der Kaiser krank war, doch wie schlimm es um den gütigen Herrscher des Landes stand, ahnte Simon erst jetzt, als er die Seele des Generals vor Verzweiflung die Hände ringen fühlte. Ohne zu zögern griff Simon nach seiner Tasche und seinem Stock und bat den General, ihm den Weg zu weisen…..

 

Simons Geschichte wird später zu Ende erzählt, wenn der Mond voll ist. Ich freue mich auf Dich. 🙂

 

Bildquelle: TBIT/pixabay.com

2 Gedanken zu „Der blinde Heiler Teil 1

  1. Liebe Katharina,
    die Geschichte berührt mich tief. Im Anders-Sein entsteht oft All-Ein-Sein, was zur Quelle von intensivem Fühlen wird, und dieses macht Einfühlen und Wahrnehmen des Unsichtbaren möglich, das nur das Herz wahrnehmen kann. Ich bin gespannt auf den 2.Teil und freue mich, dass er schon da ist 🙂
    Alles Gute von Miriam

Schreibe eine Antwort zu Machtvolle Vertrauens-Spiele - Autorin: Miriam Antwort abbrechen