Samiras langer Weg Teil 2

Wie der Fluss ging Samira ihren Weg. Egal ob leicht oder schwer. Bild: Jan Thau/pixelio.de

Die Beiden aßen zusammen, unter genauer Beobachtung der Reisegesellschaft, die selbst Mikha zu einem erstaunten heben seiner Brauen veranlasste. Sie unterhielten sich und Samira bat um Ausbildung. Mikhas Augen wurden einen Moment hart. „Du weißt worum du bittest? Bist du sicher? Du wirst diesen Weg nie wieder verlassen können, wenn du ihn einmal betreten hast“ Außerdem bist du ja fast noch ein Kind!“ Samira sah ihrem Großvater fest in die Augen und erwiderte: „Ich weiß worum ich bitte. Um das, was meine Seele fordert. Und ich mag auch noch ein Kind sein, doch ich war stark genug für den Weg zu dir.“ Mikhas Augen begannen golden zu glühen und Samira wartete darauf, unter diesem Blick einfach zu verbrennen, doch sie sah ihm weiter in die Augen. Die Luft begann zu summen und Funken flogen durch die Höhle. Samira wurde schwindelig und das Einhorn trat schnaubend neben sie. Kurz bevor Samira glaubte, sich unter Mikhas Blick einfach aufzulösen, senkte der die Augen und sagte: „Es Sei! Du sollst mein Zögling sein!“ Samira atmete so erleichtert auf, dass es fast wie ein Schluchzen klang. Sie sprang in die Arme ihres Großvaters und drückte ihn innig. „Außerdem,“ flüsterte Mikha an ihrem Ohr „möchte ich nicht mit einem wütenden Einhorn aneinander geraten.“ Samira sah ihn an: „Sie können wütend werden?“ „Oh ja, und wie! Vor einem wütenden Einhorn flieht sogar eine Horde Drachen. Und das ist deine erste Lektion, mein Kind. Alles ist ganz. Wo große Sanftheit ist, ist auch unerbittliche Stärke. Das Niederträchtigste, trägt auch das Gute in sich.“ „Und Fantasie beinhaltet die Wahrheit,“ vollendete Samira seinen Satz.

Eine lange, anstrengende und auch gefährliche Lehrzeit begann für Samira. Sie lernte von Mikha, dass alles eine Seele hat. Und das jede Seele spricht, und wie man darauf lauscht. Sie lernte auch die Macht der Stille kennen. Nun, Stille ist nicht sehr bedrohlich, oder? So dachte sie zumindest. Doch als sie unter Mikhas Anleitung erlernte, die Stille zu voller Größe und Macht auszudehnen, verschlug es ihr den Atem. Mehr als einmal floh sie aus dieser Übung, denn die Stille schien sie zu überwältigen mit ihrer Macht, alles zu erschaffen und alles aufzulösen. Erst als Samira die Stille in sich fand, konnte sie die Große Stille ertragen und lernte, in ihr zu lauschen. Lernte, dass alles mit einem Traum, einer Geschichte beginnt und auch endet. Und dann, existiert es fort. Realität oder nicht, es war ist und bleibt die ganze Zeit ein Traum, der von einer Seele geträumt wird. Sie verstand nun, warum die Menschen im Dorf einsam und krank geworden waren. Sie hörten ihre Seelen nicht mehr und so auch nicht die der anderen um sie herum. Wie kann man ohne Seele sein? Und wie kann eine Seele ohne die Stille sein? Samiras Geschichten waren ganz anders, als die von Mikha, was diesen sehr freute, denn jeder Geschichtenerzähler hat seine eigenen Geschichten, so lehrte er.

Eines Tages, Samira kam gerade vom Holz holen mit einem befreundeten Gnom zurück, erwartete Mikha sie vor der Höhle. Er sah sie sehr ernst an. „Es wird Zeit,“ sprach er. „Zeit, dass du deine Geschichten in dich aufnimmst. Alle. Auch und besonders die, die du NICHT erzählst. Die, die von Angst künden und Schmerz.“ Samira zitterte ein wenig. „Lass alles hier und komm mit!“ Sie folgte ihrem Großvater zu einer anderen Höhle. Sie war umgeben von Nebel und ein seltsamer Ton lag in der Luft. Samira war wie erstarrt vor Angst. „Ich muss da hinein,“ flüsterte sie. Mikha nickte. „Du musst nicht nur in die Höhle, sondern auch in alle deine Geschichten. Nimm jedes Wesen in dich auf. Wenn es dir gelingt, du selbst zu bleiben, wirst du die Meisterin deiner Geschöpfe. Gelingt es aber nicht, werden sie dich in Stücke reißen.“ Samira wunderte über sich selbst, denn eigentlich hätte sie vor Angst erstarren müssen nach dieser Warnung, oder? Stattdessen kam eine große Ruhe über sie. Sie lächelte denn jetzt wusste sie, dass die Macht der Stille ihr Freund geworden war. Mikha setzte sich auf einen Felsvorsprung neben dem Höhleneingang.

Samira ließ das Holz fallen und ging in die Höhle. Lange wanderte sie darin herum. Für sie fühlte es sich an, als wären viele Tage verstrichen, als sie wieder herauskam. Mikha saß immer noch am Höhleneingang und döste. Sie berührte ihn sanft an der Schulter und flüsterte: „Ich bin zurück, Großvater.“ Mikha hob den Kopf und als er sie ansah weiteten sich seine Augen und Tränen glitzerten darin. Er stand auf und verbeugte sich tief vor Samira. „Es ist geschafft, deine Ausbildung ist beendet. Du bist jetzt eine von uns.“ Samira sah ihn verständnislos an und er wies auf einen kleinen Bergsee in der Nähe. Sie beugte sich darüber und da sah sie es! Ihre Augen waren golden geworden, wie die ihres Großvaters. Weisheit und Macht strömte aus ihrem Blick.

An diesem Abend feierte eine sehr ungewöhnliche Partygesellschaft in Mikhas sonst so stiller Höhle ein Fest. Eine neue Märchenerzählerin war geworden und das…war sogar für die sonst so schweigsamen Bergtrolle ein Grund zu singen und zu tanzen. Am nächsten Tag machte sich Samira auf den Heimweg. Ihre goldenen Augen verbarg sie unter einem breitkrempigen Hut. Der Rückweg ging viel schneller, als die lange Reise zu Mikha, die schon ein ganzes Leben zurück zu liegen schien. Als sie ins Dorf kam, erschrak sie zu tiefst. Alles was man hörte, war seufzen und klagen. Ein grauer Nebel lag über dem sonst so schönen Dorf, keine Blume blühte, kein Vogel sang. Nur das klagende Seufzen der Bewohner war zu hören. Hastig betrat sie das Haus ihrer Mutter. Sie hätte Sita fast nicht erkannt. Die einstmals strahlende und fröhliche Frau war grau, mager und gebeugt. Sie kämpfte um jeden Atemzug, während sie am Küchentisch saß. Sita sah auf. „Tochter,“ keuchte sie, „ich wünschte, ich könnte mich freuen. Aber ich bin tot. Mein Herz ist zu Stein geworden.“ Samira warf ihre Arme schluchzend um ihre Mutter und der Hut fiel herunter. Sie strich der Mutter das strähnige Haar aus dem Gesicht. Als Sita Samiras goldene Augen sah, glomm ein winziges Fünkchen in ihrem Blick. „Erzähle!“, brachte sie mühsam hervor. Samira suchte die Stille in sich. Es gelang ihr nicht gleich.

Doch schließlich, schimmerte es in ihr und sie begann zu erzählen, während der Kopf ihrer Mutter leblos an ihrer Schulter lastete. Es begann plötzlich zu zischen und zu knacken. Die Mutter wand sich und schrie. Samira wusste, dass sie weiter erzählen musste und sie tat es schluchzend und verzweifelt, denn die Schmerzen ihrer Mutter tobten durch ihre Seele. Und dann, auf einmal, schwieg der Schmerz! Stattdessen strömte warmes, goldenes Leben in Sita. „Ich fühle!“, flüsterte sie. „Ich fühle endlich wieder!“ Sie zuckte zusammen und presste die Hand auf ihre Brust. Der erste Herzschlag ist sehr schmerzhaft. Doch nach wenigen Minuten geschah etwas, dass dieses Dorf schon lange nicht mehr gesehen hatte. Sita sang! Und sie tanzte durch das Haus. Die seufzenden Menschen trauten ihren Ohren nicht. Samira war auf den Dorfplatz getreten und nun sahen alle ihre goldenen Augen. Sie erzählte immer weiter und ein Stein nach dem anderen barst und gab das drin eingeschlossene Herz wieder frei.

Die Herren des Dorfes hörten von dem Tumult und kamen wütend und schwer bewaffnet, um die Menschen zu züchtigen und erneut zu unterwerfen. Doch die wieder erwachten Herzen hatten eine seltsame Macht. Die Herrscher konnten das Dorf nicht betreten! So ging Samira zu ihnen und erzählte auch ihnen eine Geschichte. Da barsten wieder Herzen. Und gewaltige Mengen von stinkendem Gift flossen zischend ab. Als es die Herrscher verließ, hinterließ es Entsetzen und Scham. Doch aus Samiras Geschichte lernten sie, dass ihre Tat nötig gewesen war. Manches muss man verlieren, um seinen Wert erst zu erkennen. Inzwischen hatten die Dorfbewohner ein Feuer entfacht und begannen zu feiern. Samira nahm die Jäger und Krieger bei der Hand und wollte sie zum Feuer führen. Sie zögerten und sahen zu ihrem Obersten. Der nickte, und so ging einer nach dem anderen zu den Feiernden und wurde herzlich aufgenommen. Nur der Oberste zögerte. Er sah Samira an und flüsterte: „Ich weiß jetzt, was Macht ist. Nicht Unterwerfung oder Tyrannei, das ist nur verkleidete Schwäche. Macht bedeutet, man selbst zu sein. Ganz und ausschließlich.“ Samira nickte langsam. „Ich bin auch ein Märchenvogel,“ fuhr der Oberste fort, „und ich bitte dich, mich zu lehren. Mir zu helfen, wieder ich zu sein.“ Und lauter rief er: „Von nun an sollen alle, die die besondere Macht unseres Volkes erlernen wollen, lernen dürfen!“ Jubel und Freude waren die Antwort.

Der Oberste wurde in seiner Position bestätigt und er selbst ging in die Berge, um die Märchenerzähler nach Hause zu bitten, denn es wollten wirklich viele lernen. Sie kamen alle zurück. Und im Gedenken an diese Zeit wurde der Name des Volkes geändert. Sie heißen jetzt: „Die Märchenphönixe“. Das Volk ist sehr bekannt und viele schicken ihre jungen Leute zu ihnen, damit sie lernen. Wo dieses Volk lebt willst du wissen? Weit, weit von hier. Und doch noch näher als dein Atem. Es lebt in Deiner Seele.

Ein Gedanke zu „Samiras langer Weg Teil 2

  1. Hat dies auf Leben als Mensch rebloggt und kommentierte:
    Von Herzen DANKE ich dir sehr, liebe Katharina für deine so zauberhafte und zutiefst HEIL-SAME Seelen-Geschichte… Dein „Geschichtenzauber-Blog“ ist wahrlich(t) eine unendliche Schatztruhe, die sich immer wieder lohnt und es heilsam ist, sie zu öffnen.
    Sicherlich(t) macht es dir und auch Samira auf ihrem langem Weg nichts aus noch eine kleine Umleitung über meinen Blog zu gehen… 😊
    Mit Gewissheit kommen wir immer wieder bei uns selbst an…
    DANKE, liebe Katharina… 🙏
    In liebevoller Verbundenheit mit AllemWasIst
    Elke 💜

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