Samiras langer Weg Teil 1

Früher war es in Samiras Volk eine große Tugend, Geschichten erzählen zu können. Die Märchenerzähler waren höher angesehen, als die Jäger und Krieger. Es war ein friedliches Volk und jeder war stolz auf den Namen, unter dem man es kannte: Die Märchenvögel. Man nannte sie so, weil ihre Geschichten nicht einfach nur spannend waren, sondern es auch dem Zuhörer gestatten, im Geist in andere Welten und höhere, weitere Räume zu fliegen. Dort fand man Weisheit, Heilung und Erkenntnis.

Doch irgendwann wurden die Krieger und Jäger neidisch, und so erhoben sie sich über die Märchenerzähler. Sie begannen, die Menschen aufzuwiegeln, die sich schließlich auf die Seite der Jäger und Krieger schlugen. Sie murrten: „Eure Geschichten können wir nicht essen und sie verteidigen auch nicht unser Land!“ Die Erzähler wandten verwundert ein, dass man doch in Frieden und Überfluss lebte? Doch davon wollten die Leute nichts hören. Die Ältesten, die von dem Streit gehört hatten beschlossen, zu Vollmond eine Versammlung einzuberufen, um den Streit beizulegen, denn Samiras Volk liebte den Frieden.

Auf der Versammlung wurde den Geschichtenerzählern vorgeworfen, dass sie zum Leben im Dorf nichts beitrugen. Sita, Samiras Mutter, erhob sich und sprach: „Die Märchenleute sind das Rückgrat und das Gedächtnis unseres Volkes. Sie geben uns Trost und Hoffnung. Mit ihren Märchen raten und heilen sie uns und helfen uns daran zu erinnern, wer wir sind.“ Doch sie war die einzige, die für die Märchenleute sprach. Das Volk stellte sich gegen sie und so wurden die Märchenleute mit scharfen Worten und fliegenden Steinen aus dem Dorf gejagt. Sie flüchteten in die Berge mit leeren Händen, denn es war bei schwerer Strafe verboten worden, ihnen etwas mitzugeben oder ihnen zu helfen. Sie hatten weder gejagt noch geerntet, also stand ihnen auch nichts zu.

In den folgenden Monaten veränderten sich die Menschen in Samiras Dorf. Die Jäger und Krieger hatten die Macht übernommen und sie herrschten mit harter Hand. Jedoch fürchteten sie sich vor den alten Leuten, denn die hatten immer noch Märchen in ihren Herzen und erzählten sie. Also wurde das Erzählen von Geschichten verboten. Sollte es doch jemand tun, so wurde er aus der Gemeinschaft verbannt. So lebten die Menschen tagein tagaus vor sich hin. Sie gingen ihrer Arbeit nach, entrichteten die Abgaben, die die neuen Herrscher forderten, und wurden immer stiller und sorgenvoller. Es gab keine gemeinsamen Abende mehr am großen Feuer, keine Geschichten mehr, die Trost und Hoffnung schenkten. Die Herrscher bemerkten die Unzufriedenheit der Dorfbewohner und befahlen ein großes Fest. Es sollte berauschende Getränke, laute Musik und bunte Kleider geben. Aber die Musik klang schrill, die Farben schmerzten in den Augen und im Rausch brachen sich Aggression und Zügellosigkeit Raum.

Immer stiller und trauriger wurden die Menschen. Sie gingen gebeugt, ihre Augen wurden stumpf und ausdruckslos. Auch Sita spürte die wachsende Schwere in ihrem Herzen. Nur die drolligen Späße ihrer kleinen Tochter Samira konnten ihr hin und wieder ein Lächeln entlocken. Sie entschied, dass Samira diese tödliche innere Leere keinesfalls kennenlernen sollte. Also schrieb sie einen langen Brief, in dem sie die Märchenerzähler demütig bat, sich Samiras anzunehmen und sie auszubilden. Sie war die Enkelin von Mikha einem der besten Geschichtenerzähler. Und so kam der Tag, da Sita ihre Tochter zu sich rief und sehr ernst zu ihr sagte: „Mein Liebling, du siehst wie leer und traurig alle sind, nicht wahr? Du sollst unter dieser Krankheit nicht leiden. Darum geh in die Berge um die Kunst des Erzählens zu erlernen.“ Samiras Augen leuchteten, denn sie wollte unbedingt auch Geschichtenerzählerin sein. Doch dann sagte sie leise: „Aber Mama, wenn sie das herausfinden, werden sie dich ausstoßen.“ Sita seufzte und flüsterte: „Sieh mich an, Kind. Ich sehe nicht nur aus, als wäre ich hundert Jahre alt, ich fühle mich auch so. Ich will nur noch, dass du in Sicherheit vor dieser heimtückischen Krankheit bist, alles andere ist mit gleichgültig geworden.“ Samira traten die Tränen in die Augen. Auch alle anderen im Dorf alterten unnatürlich schnell. Ihre Tante Tana, eine der fähigsten Tänzerinnen, hatte all ihre Geschmeidigkeit und Stärke verloren. Obwohl sie erst die Mitte ihres Lebens erreicht hatte, ging sie gebeugt wie eine alte Frau an einem Stock und stöhnte bei jedem Schritt vor Schmerzen. „Alle werden so schnell alt, Mama,“ flüsterte Samira, „Warum?“

„Nun, meine Kleine,“ erwiderte Sita, „Jugend ist die Hoffnung auf morgen. Sie wird genährt durch unsere Träume, genau wie unsere Lebenskraft. Doch wir haben die Hoffnung verloren, nur du hast sie noch. Mit den Märchenerzählern haben wir auch unsere Vergangenheit vertrieben und so vergessen wir, wer wir eigentlich sind. Wir haben kein Gestern mehr, wie können wir ein Morgen haben?“ Samira dachte über die Worte ihrer Mutter nach. „Auch wenn ich nicht verstehe, was Hoffnung bedeutet, so möchte ich sie dennoch nicht verlieren. Ich werde Großvater suchen und von ihm lernen.“ Sie verabschiedete sich von ihrer Mutter und machte sich auf den langen Weg in die Berge.

Sie beschloss, auf einer kleinen Bergwiese nahe einer Quelle zu rasten, als ein seltsamer Glanz sie einhüllte. Also sie aufsah, traute sie ihren Augen kaum. Vor ihr stand ein strahlendes Einhorn, dass an ihren Haaren schnupperte! Sie hielt ganz still, kniff die Augen zu und riss sie wieder auf, doch dass freundliche Einhorn stand immer noch da. Als es an Samiras Ohr zu zupfen begann kicherte sie und sagte: „Ich dachte immer, es gäbe euch nur in der Fantasie.“ Das Einhorn legte anmutig den Kopf schief und erwiderte: „So ist es! Genau wie ihr nur in unserer Fantasie existiert.“ Samira schwirrte der Kopf etwas. Hatten nicht die Jäger gesagt, dass nur der Alltag wahr sei und die Reiche der Fantasie, aus denen die Geschichtenerzähler berichteten, seien nur Hirngespinste und Zeitverschwendung!? Das Einhorn hatte offenbar ihre Gedanken gehört, denn es sah sie merkwürdig an. Samira sah in die schimmernden, silbrigen Augen des Einhorns und plötzlich wusste sie gar nichts mehr. Was war denn nur wahr und was nicht? Das Einhorn schüttelte anmutig seine goldene Mähne, die einen sehr hübschen Kontrast zu seinem tiefschwarzen Fell bildete. „Ich fürchte, ich kann dir nur noch mehr Verwirrung anbieten. Nichts ist wahr. Oder alles. Wie man es sieht.“ Da flüsterte Samira wie in Trance: „Und was ich ansehe, mache ich wahr! Auf die Weise, wie ich es ansehe.“ Das Einhorn trat näher und legte sanft seine weichen Nüstern an Samiras Wange: „Ich verstehe, warum du diese Reise machst.“

Es dämmerte und wurde kalt. Samira sammelte ein wenig Holz, um ein Feuer zu machen. Als sie seufzend nach dem Feuerstein zu suchen begann, bäumte sich das Einhorn wiehernd auf. Sein Horn begann zu glühen und Samira wich zurück. Das eindrucksvolle Geschöpf senkte den Kopf….und entfachte das Feuer mit seinem glühenden Horn. Samira starrte es mit offenem Mund an. „Manchmal….ist unser Nutzen sehr praktisch,“ zwinkerte das Einhorn. Das Mädchen fand ein paar Früchte in ihrer Tasche und bot dem Einhorn davon an. Das schnupperte genüsslich und wie es scheint, haben Einhörner eine große Schwäche für Erdbeeren. Nach einer Weile fragte Samira, wie das Einhorn hierher in die Wildnis gekommen sei? Es erwiderte: „Wir alle, die Geschöpfe eurer Fantasie, sind mit den Märchenerzählern vertrieben worden. Doch nicht nur wir, auch die Erinnerung an uns irrt hier in den Höhlen herum.“ „Wie kann man denn Erinnerungen vertreiben?“, wunderte sich Samira. „Mit euren schreienden Festen und den berauschenden Getränken,“ lautete die Antwort. „Bei allen?“, wollte Samira wissen, der trotz des warmen Feuers eiskalt wurde. Das Einhorn schüttelte den Kopf. „Wenn ihr schlaft, berühren wir manche die noch empfänglich sind. Doch wenn unser Schatten auf euch fällt, fürchtet ihr euch, weil man euch eingeschärft hat, dass wir böse sind. Geschöpfe des Wahnsinns. Dann verschließt ihr eure Herzen nur noch fester. Mit Hass auf uns. Wenn es in euch flüstert, dass wir doch zusammen gehören, einander brauchen, betrinkt ihr euch nur noch mehr.“ Samira flossen Tränen über das Gesicht. Wie konnte man ein Geschöpf wie das sanfte Einhorn hassen?? „Ich will das Erzählen lernen und suche meinen Großvater. Er ist Mikha, der Geschichtenerzähler. Kannst du mir helfen?“ Das Einhorn nickte und so setzten die beiden am nächsten Tag ihren Weg fort.

Sie kamen an Flüssen vorbei, die von eindrucksvollen Wassermännern beherrscht wurden, an sprechenden Felsen und geheimnisvollen Seen mit wunderschönen Nixen. Manche schlossen sich den beiden an. Und auch Gnome, Kobolde und Elfen schlossen sich der Reisegesellschaft an. Einige sehr ungewöhnliche Freundschaften entstanden auf der langen Reise über verschneite Berggipfel und tückische Gletscher, auf denen freundliche Schneegeister den Weg wiesen. Viele Tage später erreichten sie schließlich eine Höhle, in der ein einladendes Feuer brannte. Samira trat schüchtern ein und sah am Feuer einen alten Mann sitzen. In seinen gütigen Augen schien die Weisheit aller Zeitalter zu strahlen, als er den Kopf hob und sie anlächelte. Sie fühlte ein summendes Prickeln in ihrer Seele und wusste, dass diese Augen zu einem der mächtigsten Märchenerzähler überhaupt gehörten, zu ihrem Großvater Mikha. Sie verneigte sich wortlos und Mikha bat sie näher. Er sah sie an und sagte schließlich: „Weißt du, was du mit deiner Mutter gemeinsam hast?“ Samira schüttelte den Kopf und bekämpfte ein Zittern, dass die warme und doch gewaltige Macht des alten Mannes auslöste. „Ihr beide habt mich gebissen, kaum dass ihr geboren wart.“ , erklärte der alte Mann und in seinen Augen tanzte Belustigung, als Samira dunkelrot wurde. „Nun, wir Geschichtenerzähler glauben, dass dies nur besondere und starke Seelen tun,“ setzte er mit gespieltem Ernst fort. „Sonst müssten wir ja zugeben, dass wir nicht sehr geschickt im Halten von Babys sind.“ Samira kicherte und fand sich im nächsten Moment in der warmen Umarmung ihres Großvaters.

Wie es weiter geht? Komm morgen wieder, dann erzähle ich Dir den Rest der Geschichte.

Ein Gedanke zu „Samiras langer Weg Teil 1

  1. Versprochen, liebe Katharina…
    ich komme morgen wieder und FREUE mich schon auf den „Rest der Geschichte.“, die wieder sehr, sehr schön ist… Was uns die Märchen doch alles erzählen können, hören, lesen und empfangen wir sie ganz mit der Sprache des Herzens.

    DANKE, liebe Katharina… 🙏

    Sei gegrüßt von Herz zu Herz
    Elke

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