Geschichtenzeit

Schau Mal. So ungefähr sehe ich aus, wenn ich sichtbar bin.

Hallo Du! Es ist hier schon gaaanz spät. Kannst Du auch nicht schlafen? Ich hab mich zum Computer-Dings geschlichen. Und, nachdem ich ein paar Murmeln gegen den Knopf gekickt habe, ist es endlich angegangen. Ich bin sehr clever, findest Du nicht? Und jetzt…erzähle ich Dir eine Geschichte:

Die Weberstochter und der Drache

In einem Dorf sehr weit von hier, lebte einmal eine Weberfamilie. Sie hatten einen Sohn und eine Tochter, die sie sehr liebten. Die Tochter war für das Weberhandwerk völlig unbegabt, doch war sie sehr geschickt im Verhandeln und umsichtig, wenn es um das Einkaufen und Verkaufen ging. Das junge Mädchen genoss das uneingeschränkte Vertrauen seiner Eltern und durfte schon bald in die Stadt gehen, um dort die Weberwaren zu verkaufen und Einkäufe für die Familie zu machen.

Das Dorf lag in einem Tal, umgeben von hohen, steilen Bergen. Die Weberstochter hatte schnell gelernt, zu klettern wie eine Gazelle und kannte jeden Tritt und jeden Stein. Sie trug schwer an ihren Einkäufen, sogar ihr Karren war voll mit allem, was die Familie für den Winter brauchte. Es war stürmisch und schon seit Tagen schneite es. Vorsichtig und langsam suchte sich das Mädchen seinen Weg zwischen schroffen Felsen und steilen Graten. Sie war schon fast zu Hause, als sie plötzlich ausrutschte, und in die Tiefe stürzte. Zum Glück landete sie, mit samt ihrem Karren, in einer großen Schneewehe auf einem Felsvorsprung.

Etwas benommen setzte sie sich auf und sah sich um. Die Felswände waren durchaus kletterbar, aber hoffnungslos vereist. Die Weberstochter seufzte. Nein, hier kam sie erst einmal nicht weg. Zum Glück war direkt hinter ihr eine Höhle, wo sie zumindest Schutz vor Wind und Schnee finden würde. Sie ging hinein und zog ihren lädierten Karren polternd hinter sich her. Als es zu dunkel wurde um weiter zu gehen, setzte sie sich, um etwas auszuruhen. Halt! Was war das!? Steine rieselten und polterten. Waren da nicht Atemzüge? „Wer ist da?“, fragte eine tiefe, grollende Stimme. „Ich-ich bin die Weberstochter und abgestürzt,“ stotterte das Mädchen. Das Rieseln und Poltern wurde lauter und vor der Weberstochter erschien ein riesiger Schatten.

Das Mädchen erstarrte. Sie wusste, zu wem dieser Schatten gehörte! Jeder im Dorf wusste von dem Drachen, der hier irgendwo hauste. Er stahl das Vieh und fraß die Menschen. Zerstörte und vergiftete, was er fand, so erzählte man sich. Das Mädchen wusste, dass es nun um sie geschehen war. „Weberstochter?“, hörte sie die grollende Stimmer erneut. „Ja?“ „Hast du dich verletzt beim Fallen?“ „N-nein, es ist mit nichts passiert. Nur der Karren ist kaputt gegangen.“ Das Mädchen wurde neugierig. Warum wollte der Drache wissen, ob sie verletzt war?? „Es ist kalt. Kannst du Holz holen? Es liegt auf der sonnenwärts gewandten Seite des Höhleneingangs.“ Das junge Mädchen nickte und tastete sich zu der gewiesenen Stelle und fand Reisig und Holz, ordentlich aufgeschichtet. Sie nahm zuerst von dem Holz und brachte es in die Vertiefung mitten in der Höhle, die sie gerade noch sehen konnte. Dann breitete sie Reisig darüber. Nun begann sie, ihren Feuerstein zu schlagen, bis die Funken das Reisig entfachten.

Und im Feuerschein sah sie den Drachen zum ersten Mal. Seine Augen schimmerten golden, der Leib war von dunklem grün. Eine seidige weiße Mähne hing von seinem Haupt und sein Gesicht war…nun es war freundlich! Die Weberstochter ging etwas näher zu dem Drachen, der neugierig die Ohren aufstellte und schnupperte. Die Drachennase war trocken, wie Pergamentpapier! Im Reflex griff die Weberstochter nach der Trinkflasche an ihrem Gürtel und sagte: „Du musst Durst haben! Ich habe Tee. Hier trink nur.“ Der Drache öffnete das Maul und die Weberstochter lies den Tee mit zitternder Hand hinein fließen. Als die Flasche leer war, seufzte der Drache zufrieden. „Nun brennt meine Zunge nicht mehr, ich danke dir!“ Ein tiefes Grollen ließ Die Höhlenwände erbeben, und das Mädchen erstarrte. „Keine Angst, das war nur mein Magen. Ich bin alt und mein Feuer reicht nicht mehr, dass ich der Winterkälte standhalten und auf Jagd gehen kann.“ Die Weberstochter sah, dass die Rippen so sehr heraus standen, das sie die schimmernde Haut des Drachen zu durchstoßen drohten. Der Drache ließ den Kopf auf den Höhlenboden sinken und murmelte: „Hier drin ist Platz genug für uns beide. Bleib nur so lange du möchtest. Ich werde dir nichts tun.“ Der alte Drache schlief ein, denn die wenigen Schritte hatten ihn erschöpft.

Gegen Morgen wurde der alte Drache von herrlichen Düften geweckt. Er glaubte, der Hunger spiele seinen Sinnen einen Streich. Jemand zupfte an seinem Ohr und die Weberstochter rief sanft: „Drache? Wach auf! Ich habe dir Gemüsesuppe gekocht. Komm wach auf und iss.“ Der Drache öffnete ein Auge und sah das junge Mädchen. Hinter ihr ein Kessel mit dampfender Suppe. Und vor seiner Nase eine Schale . Er steckte vorsichtig die Zunge hinein und…er konnte sich nicht erinnern, jemals etwas besseres gegessen zu haben! Gierig aß er die Schale leer und übrigens auch den ganzen Topf. Goldene Funken leuchteten in seinen Augen auf, als die Kraft zurückkehrte in seine Glieder.

Die Weberstochter setzte sich neben den Drachen und sah ihn an. „Nun,“ begann der Drache, „ich lebe schon seit vielen hundert Jahren hier. Was man mir vorwirft, ist nicht gelogen. Doch zerstöre ich nicht, um zu zerstören, sondern weil ich so groß bin. Und an euer Vieh ging ich nur, wenn ich keine Beute machte. Nun aber bin ich alt. Zu alt um im Winter zu jagen. Dies ist schon der fünfte Winter, in dem ich hier darauf warte, was wohl schneller kommt, der Frühling oder der Tod.“ Die Weberstochter wurde traurig. Sie mochte den Drachen. „Wie es steht,“ sagte sie schließlich „werde ich hier ebenfalls fest sitzen, bis das Frühjahr kommt. Ich werde für dich sorgen. In diesem Winter stirbst du nicht am Hunger.“ Die Augen der Weberstochter glänzten vor Entschlossenheit und der alte Drache legte sanft den Kopf an ihre Schulter. „Du sitzt hier nicht fest“, erwiderte er. „Meine Höhle hat einen Gang, der bis in eurer Dorf reicht. Ich werde dir den Weg nach Hause zeigen.“

Gemeinsam legten sie den langen Weg durch Tunnel und Gänge zurück, die Weberstochter hatte ihre Hand immer am Drachenleib, wie der ihr gesagt hatte. Sie folgte ihm im Prankenabruck und fragte sich verwundert, warum denn der Drache das Dorf nicht einfach plünderte, wenn seine Höhle sich schon bis unters Dorf erstreckte? „Ich bin ein Walddrache,“ beantwortete das riesige Geschöpf die stumme Frage. „Ich bin Teil des Lebens, so wie ihr. Das Leben darf das Leben nicht schädigen oder gar zerstören. Darum nehme ich nicht mehr, als ich unbedingt brauche.“ Die Weberstochter schwieg beschämt. Nein, die Menschen konnten das nicht von sich behaupten. Nach einer Weile sagte sie: „Drache? Würde es dir etwas ausmachen, mich jeden Tag unterm Dorf zu treffen? Ich möchte für dich Suppe kochen und dir Tee bringen. Ich versprach, für dich zu sorgen und werde das tun, wenn du erlaubst.“ Der Drache blieb stehen. „Niemand darf dir folgen. Und wenn du schon für mich sorgst, so sollst du mir auch Gesellschaft leisten. Jeden Morgen und jeden Abend eine Stunde lang.“ Das Mädchen versprach es, und die beiden ungleichen Freunde gingen weiter.

Am Zugang zum Dorfkeller trennten sie sich. Sie versprachen einander, sich zu treffen und alles zu tun, wie vereinbart. Als das Mädchen aus der Hütte trat, war gerade eine Versammlung auf dem Dorfplatz. Ein Bote des Königs bot demjenigen viel Geld, der den Drachen aufspürte, damit der König ihn töten könnte. Das Mädchen erschrak bis ins Innerste und ging nach Hause. Ihre Familie war in heller Aufregung vor Freude, dass sie gesund und wohlbehalten ankam. Sie berichtete von ihrem Sturz, und warum der Karren kaputt war. Ihren neuen Freund verschwieg sie allerdings. Die Familie hatte genug Vorräte und so war es nicht schlimm, dass der Karren und sein Inhalt fehlten.

Wenn sie zu Hause war, so kochte die Weberstochter immer mit ihrer Großmutter. Diese bemerkte, dass das Mädchen heimlich von der Suppe nahm und in einen Eimer füllte. Sie sagte nichts dazu, doch wunderte sie sich sehr. Als die Weberstochter zum Treffpunkt in der Höhle kam, wurde sie schon erwartet. Der Drache aß mit großem Appetit. Die Weberstochter erzählte ihm von dem König und der Jagd und der Drache seufzte. „Hat dieser Tyrann immer noch nicht aufgegeben? Er will euch nicht von einer Plage befreien sondern meine Zähne und Schuppen haben,“ erklärte das gewaltige Tier. „Die besitzen magische Kräfte und versprechen unermessliche Reichtümer, sowie Widerstandskraft gegen Krankheit und Gift.“ Das Mädchen verstand. „Lass uns über andere Dinge sprechen,“ riet der Drache fröhlich.

Er begann, ihr alles über die Heilkräfte von Kräutern und Pflanzen zu berichten. Wann man sie suchen musste, wie man sie zubereitete und welche Mischungen gegen welches Leiden halfen. Das Mädchen hörte aufmerksam zu und bemerkte dabei, dass sie jedes Wort vom Drachen behalten konnte. Jeden Tag erhielt sie eine weitere Lektion und bald schon wusste das ganze Dorf um die Heilkünste der Weberstochter. Die Großmutter nahm schließlich das Mädchen beiseite, als sie wieder mit einem Eimer Suppe und einem zweiten Eimer Tee davon schlich. „Ich werde dir helfen,“ sagte sie. „Das geht nicht, Oma,“ stotterte die Weberstochter. Die alte Dame kniff die Augen zu und sprach streng: „Du schleichst herum mit Speisen und Trank die für ein halbes Heer reichen würden und schweigst darüber? Ich bin alt, aber nicht dumm! Was tust du mit den Dingen, oder soll ich deinen Vater rufen?“ Die Weberstochter flehte die Großmutter an, sie gehen zu lassen. Diese aber wandte sich zur Tür. „Großmutter, ich habe es doch versprochen!“ „Was hast du wem versprochen?!“ herrschte sie die Großmutter an. Weinend erzählte die Weberstochter von dem alten Walddrachen. „Er hat mich gerettet, verstehst du? Ich sorge für ihn und er lehrt mich dafür alles über Kräuter und Wurzeln,“ schloss sie ihren Bericht.

Die alte Dame drückte ihre Enkelin an sich und trocknete die Tränen des Mädchens. „Ich werde dein Geheimnis bewahren, das schwöre ich! Du bist ein Glückskind und auch das Dorf ist gesegnet, einen kundigeren Lehrer der Heilkünste als einen Walddrachen gibt es nicht. Darf ich ihn sehen?“ Das Mädchen willigte ein, und beide Frauen gingen, um dem Drachen seine Speise zu bringen. Als sie über den Marktplatz gingen, rief der Dorfbüttel: „He ihr! Was tut ihr da?!“ Die Großmutter drehte sich um und rief zurück: „Wir füttern den Drachen der unter dem Dorf überwintert! Warum sonst sollten wir eimerweise Suppe tragen?!“ Die Weberstochter dachte, sie würde in Ohnmacht fallen doch der Dorfbüttel lachte schallend. „Tut nur, was ihr müsst Großmutter!“ Lachend und kopfschüttelnd wandte er sich ab und fand, dass die alte Weberin wirklich so verrückt war, wie man sagte. Die Weberstochter verstand die Welt nicht mehr. Kichernd wie ein junges Mädchen verriet die Großmutter: „ Willst du etwas verbergen, so sag die Wahrheit. Niemand wird dir glauben und niemand wird dir nach schleichen! Oder warum glaubst du, das mich alle für so tugendhaft halten, obwohl ich mehr Liebhaber hatte als ich Jahre alt bin?“ Die Weberstochter errötete und kicherte mit der Oma.

Als sie in der Höhle ankamen, wunderte sich der Drache sehr über den Besuch. Die Weberstochter gestand ihm, warum sie die Großmutter hatte ins Vertrauen ziehen müssen. Und auch, was sich am Marktplatz zugetragen hatte. Der Drache lachte laut und rief: „Großmutter, du bist immer noch so durchtrieben, wie du es damals warst!“ Nun wiederum berichtete der Drache, dass er so manchen Liebhaber gesehen hatte, was die Großmutter zum Erröten brachte.

Noch viele Tage kamen die junge und die alte Frau, von niemandem behelligt, sorgten für den alten Drachen und lernten alles über die Heilkräfte der Natur. Im fünften Winter war die Weberstochter so kundig, dass sie selbst in die Stadt gerufen wurde um zu heilen. Man sagte über sie: „Wenn das Weberskind kommt, flieht der Tod auch wenn er sich seiner Beute schon sicher war.“ Sie verstand es, Wunden zu heilen, die schon lange quälten, mancher Trank tröstete wunde Seelen, andere vertrieben das Brennen aus den Gliedern und den Hoffnungslosen erleichterte sie ihr Leid, so dass sie sich auf ihren Weg in die nächste Welt vorbereiten konnten. Einzig der König verweigerte die Hilfe einer „Gewöhnlichen“ und starb so grausam, wie er gelebt hatte.

Niemand weiß, ob der Drache noch lebt. Als die kluge Weberstochter in die Jahre gekommen war, so wussten einige zu berichten, ging sie zur Höhle unter dem Dorf, wie so oft. Diesmal allerdings kam ein gewaltiger, waldgrüner Drache mit goldenen Augen heraus. Die alte Frau stieg auf seinen Rücken und sie flogen einfach weg. Niemand hat sie seither mehr gesehen.

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