Lady Hariets Rosen

Eine Rose kann manchmal alles ändern
Bildquelle: bagal/pixelio.de

Lilly saß auf einer Bank und nippte an ihrem Kaffee. Auf der anderen Straßenseite war ein Zentrum für Obdachlose. Dort gab es medizinische Versorgung, eine Essensausgabe und ein paar Schlafplätze. Sie seufzte. Wenn es so weiter, ging, würde sie sehr bald dort auch ihre letzte Zuflucht haben. Sie war Künstlerin. Malerin, um genau zu sein. Doch ihre eigenen Bilder voller Farben und Gefühl wollte niemand. Stattdessen hielt sie sich mit Aufträgen für Werbung und dergleichen einigermaßen über Wasser.

Aus dem Zentrum kam eine Frau, die in etwa ihr Alter hatte. Sie lächelte Lilly an und kam auf sie zu. „Darf ich mich setzen?“, fragte die Frau, die offensichtlich Ärztin war. Lilly nickte. „Ich bin Grace,“ stellte sich die Ärztin vor. „Ich weiß, dass es schwer ist das erste Mal dort hinein zu gehen. Wenn du möchtest, gehen wir gemeinsam.“ Lilly sah Grace groß an und erwiderte: „So weit ist es noch nicht. Aber ich schätze, es dauert nicht mehr lange.“ Grace wandte sich Lilly zu und hob fragend die Augenbraue. Irgendetwas ging von Grace aus, fand Lilly. Etwas merkwürdiges. So, als würde sie sich wirklich für Lilly interessieren. Also erzählte sie Grace von ihrer Situation.

Grace hatte schweigend zugehört. „Warte bitte einen Moment, ja?“, sagte sie als sie sich erhob. Kurz darauf kam sie mit zwei weiteren Kaffeebechern wieder. „Da du mir von mir erzählt hast,“ begann sie, „möchte ich dir von mir erzählen. Als ich acht Jahre alt war, starben meine Eltern bei einem Autounfall. Kaum vier Wochen im Waisenhaus, erschien ein High-Society Paar, das wohl unbedingt etwas Gutes tun wollte, also adoptierten sie mich. Sie hatten schon zwei leibliche Kinder und, nun ja, du kennst die Geschichte von Cinderella, nicht? So ungefähr erging es mir. Meine leiblichen Eltern waren einfache Leute gewesen. Sie hatten nicht viel Geld gehabt, mein Vater war sogar wegen ein paar Betrügereien im Gefängnis gewesen, aber sie hatten ihre Herzen am rechten Fleck.

Das konnte man von meinen Stiefeltern nicht sagen. Für sie war der schöne Schein alles. Ich fand mich damit nicht zurecht, wurde zur Gothic-Braut und kam in Schwierigkeiten mit dem Gesetz. Also, steckte man mich kurzerhand in ein Internat. Ich war damals 15 und tobte! Wie auch immer, es ging mal wieder ins Landschulheim. Ein ehemaliger kleiner Adelssitz außerhalb dieser Stadt. Ich hielt mich von allen fern, stieß jeden vor den Kopf und war sehr überzeugend ein riesengroßes Ekel. Doch ich war unglücklich dabei. Denn das war ich nicht, es war nur mein Kampf gegen meine Stiefeltern und ihre Scheinwelt. Tja und dann…“, Grace machte eine Pause.

„…saß sie plötzlich da! Auf der Rückenlehne einer Bank, die Arme auf die Knie gestützt. Sie trug ein viktorianisches Kleid, offenbar alter Landadel, was nun so gar nicht zu dieser Sitzposition passte! Selbst jetzt in der Erinnerung ist das noch beeindruckender als die Tatsache, dass diese außergewöhnliche Dame mit dem silbergrauen Dutt offensichtlich ein Geist war.“ Lilly machte große Augen. „Etwa der Geist von Lady Harriet? Die, die angeblich im neuen Einkaufszentrum spuken soll??“ „Genau sie, ja,“ bestätigte Grace. Dann fuhr sie fort: „Lady Harriet bemerkte, dass ich sie anstarrte. Sie richtete sich auf, zupfte an ihrem Kleid herum und lächelte mich verlegen an, wie ein ertapptes Schulmädchen. Sie bat mich näher, und ich setzte mich zu ihr. Mitfühlend fragte sie, wen ich betrauern würde? Wegen der schwarzen Klamotten. Ich erzählte ihr von mir. Als ich geendet hatte sagte sie: ‚Ich verstehe! Du betrauerst dich selbst. Aber du lebst doch noch, Kind.‘ Ich wurde mächtig sauer. Weil sie recht hatte.

‚Das solltest du nicht tun! Du willst doch nicht auch ein Geist werden, oder?‘ ich verstand nicht, was sie meinte und so erzählte sie mir ihre Geschichte. ‚Es war ein regnerischer Frühlingstag. Die Treppen waren etwas feucht, denn die Bediensteten waren mehrmals auf und ab gelaufen. Wie es sich für eine viktorianische Adelige gehört, schimpfte ich heftig und wollte gerade die Treppen hinunter eilen um einen Küchenjungen zu orhfeigen, da rutschte ich aus und fiel. Alle starrten mich an und so erhob ich mich schnell und richtete mein Kleid. Doch sie starrten weiter auf den Boden. Als ich ebenfalls hinab sah, lag da mein Körper. Seltsam verdreht und Blut lief aus meinen Ohren. Schließlich sagte jemand: Die alte Vettel ist tot. Jemand muss ihre Leiche weg schaffen. Ich dachte, ich höre nicht recht?! Doch zu meinem Entsetzen atmeten die Bediensteten alle auf. Aber warum? Nach dem Tod meines Mannes waren sie doch meine Familie gewesen?! Wie konnten sie nur so reden??

Gut, ich war streng und unnachsichtig. Pedantisch und sehr genau. Aber das gehörte sich doch so für eine Lady vom Land, nicht wahr? Was ich von den Anderen hörte war jedoch: kaltherzig, unbarmherzig, humorlos und grausam. Aber so war ich doch nicht? Ich meine, ich habe meine Rosen hingebungsvoll gepflegt, hab ihnen erzählt, ihnen sogar Lieder vorgesungen. Nun, ich war vielleicht nicht so, wie meine Bediensteten mich beschrieben, aber ich hatte so gelebt! Weil ich glaubte, eine Lady vom Land müsse so sein. Ich verstand, warum sie mich fürchteten und hassten. Und so beschloss ich, hier zu bleiben. Ich wollte möglichst vielen Menschen sagen, dass nur das was im Inneren wirklich ist, wahr ist und wert, gelebt zu werden. Ganz gleich was andere sagten.‘

Lady Harriets Geschichte bewegte mich sehr. Ich ging also auf mein Zimmer, weinte stundenlang, und schließlich landeten die schwarzen Klamotten, das düstere Make-Up und mein Image auf Nimmerwiedersehen in irgendeinem Schrank. In der Nacht träumte ich, Lady Harriett käme zu mir. Sie freute sich über meinen ersten Schritt und schenkte mir eine Rose. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag die Rose auf meinem Nachttisch! Ich wollte sie ergreifen, doch sie zerfiel in meiner Hand. Stattdessen lag darin eine Silberkette mit einer kleinen, fein gearbeiteten Rose.“ Grace zog ihr T-Shirt etwas tiefer und zeigte Lilly lächelnd den Anhänger.

„Als ich am Morgen in den Speisesaal kam,“ fuhr sie fort, „war mir die Aufmerksamkeit meiner Mitschüler gewiss. Und weißt du, was geschah? Die Mädchen, die mich am schlimmsten gemobbt hatte, luden mich ein, bei ihnen zu sitzen! Ich sah zum Lehrertisch zu Mrs. Miller. Sie war eine gütige und verständnisvolle ältere Lehrerin, die ich immer wieder vor den Kopf gestoßen hatte. Sie lächelte mich an! Ich bat sie nach dem Frühstück um ein Gespräch und sagte ihr, mir sein klar geworden, dass ich nur gegen meine Stiefeltern rebelliert habe. Gegen das Leben, dass sie mir aufzudrängen versucht hatten. Und dass ich ihr Angebot, in einem Orientierungsjahr herauszufinden, was wirklich in mir steckt, annehmen wollte. Wie sich zeigte, hatten Mrs. Miller und ich eine gemeinsame Bekannte, denn sie trug auch einen Rosenanhänger. ‚Wir sind jetzt Lady Harrietts Rosen, weißt du? Jeder, der versteht, dass man nur lebt, wenn man man selbst ist, egal um welchen Preis ist eine oder einer ihrer Rosen.‘ Ich habe wieder geweint, als sie das sagte.

Überhaupt habe ich sehr viel geweint in der Zeit danach. Ich habe den Tod meiner Eltern verarbeitet und mich aus dem Klammergriff all dessen, was andere für mich für richtig hielten, befreit. Ein schwerer Weg. Doch es war MEIN Weg. Und so wurde ich Ärztin. Aber nicht so eine Society Ärztin, Wie meine Stiefeltern hofften. Sondern eine, die sich wirklich für Menschen einsetzt. Hier am Obdachlosenzentrum habe ich meine Berufung gefunden. Ich bekomme ein Festgehalt und meine Patienten alles, was ich an ärztlicher Kunst aufbringen kann, um ihnen zu helfen. An meinem 18. Geburtstag habe ich meinen Geburtsnamen wieder angenommen, so hatten meine Stiefeltern noch nicht einmal die Genugtuung, mich verstoßen zu können. Heute bin ich zufrieden und glücklich. Mein Mann, ein hier auf der Straße gestrandeter Iraker, wie sich zeigte, Physiotherapeut, und ich, arbeiten und leben zusammen. Hier oder irgendwo auf der Welt, wenn wir für „Ärzte ohne Grenzen“ im Einsatz sind.“

Lilly hatte schweigend zugehört. Auch sie fühlte Tränen in ihren Augen brennen. Darüber, dass sie ihr Inneres geradezu gefoltert hatte, mit Aufträgen die zwar Geld brachten, aber ihre Kunst erstickten. Damit war genau JETZT Schluss! Sie griff nach Graces Hand und bedankte sich für die Geschichte.

Langsam schlenderte sie zum Einkaufszentrum und nach kurzem Zögern ging sie hinein. In keinem der noblen Geschäfte hätte sie Zutritt gehabt, geschweige denn das Geld, um etwas zu kaufen. Aber das wollte sie auch nicht. Sie ging auf die Galerie und blickte über das Treiben unter sich. Leise murmelte sie: „Lady Harriet? Erinnern Sie sich an Grace? Danke, dass Sie ihr geholfen haben, denn sie hat heute mir geholfen. Ich werde ihrem und Ihrem Rat folgen und selber leben, statt mich von anderen leben zu lassen. Ich werde Ihre Geschichte malen. Ihre Rosen. Und dabei werde ich an Sie denken, damit jeder, der eine Rose braucht, auch eine bekommt.“ Für einen Moment war es, als würde Lilly von Wärme umgeben. Es roch nach Rosen, und Lilly lächelte, als etwas in ihr zu heilen begann.

Nachdem sie ihren Entschluss gefasst hatte, nahm ihr Leben eine geradezu magische Wendung. Plötzlich waren ihre Bilder gefragt! Kritiker überschlugen sich, denn die Bilder schienen „Leben und Hoffnung zu atmen“, so hatte einer geschrieben. Und wie versprochen, war in jedem ihrer Bilder eine Rose versteckt. Ein Jahr später eröffnete Lilly in dem noblen Einkaufszentrum ihre Galerie. Und wieder duftete es nach Rosen. Ob das nun am Blumenschmuck lag, oder ob Lady Harriet einer ihrer Rosen einen Besuch abstattete? Nicht einmal Lilly wusste das mit Sicherheit zu sagen. Doch am nächsten Morgen fand sie…einen kleinen silbernen Anhänger in ihrer Kaffeetasse. Er hatte die Form einer fein gearbeiteten Rose.

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