Der kleine bunte Drache

Ich finde ihn ja schön, den bunten Drachen. Und du? Bild: Cornerstone/pixelio.de

Hey Du! Komm mal näher! Ist gerade keiner da und ich kann ganz alleine mit dem Computer-Dings spielen. Setz Dich, ich erzähle Dir eine Geschichte! Also:

Vor langer Zeit lebte einmal ein Drachenpaar. Sie wünschten sich sehnlichst ein Junges. Doch dass Drachen Junge bekommen, war bei dieser Art sehr selten. Das Paar war schon alt und so fügten sie sich in die Tatsache, dass sie wohl keine Eltern würden. Doch dann, eines Tages wurde das Drachenweibchen sehr unruhig. Es begann, seinem Blut gehorchend ein Nest zu bauen und verjagte jeden, sogar ihren Partner, fauchend und zischend.

Ein paar Tage später wurde das Drachenmännchen vom Jubelruf seiner Partnerin geweckt. „Komm schnell!“ rief sie. „Damit du mich beißen kannst?“ neckte er das Weibchen, dass er sehr liebte. „Aber nein!“ war die lachende Antwort. Er ging also in die Ecke der Höhle, die er bisher nicht hatte betreten dürfen. Das Drachenweibchen erhob sich und wies auf….ein Ei! Die beiden jubelten und erhoben sich in die Luft. Als seien sie plötzlich wieder jung geworden, tobten sie durch die Luft und spielten Verstecken hinter den Wolken. Als sie ermüdet von ihrem Spiel wieder in der Höhle gelandet waren, waren die beiden sehr aufgeregt. Wie das Junge wohl aussehen würde? Ob es ein Männchen oder Weibchen würde? Doch bald kamen sie zu dem Schluss, das es egal war. Es war ihr ersehntes Baby, das in einigen Monaten schlüpfen würde. Gemeinsam kümmerten sie sich liebevoll um das Ei. Sie legten es in die Sonne, damit es warm würde, doch nicht zu lange, damit das Baby keinen Schaden nahm. Sie wendeten es regelmäßig, damit das heranwachsende Junge es immer gemütlich und angenehm haben sollte.

Und dann war es soweit. Das Ei begann herum zu kullern und bekam Sprünge. Atemlos beobachteten die Beiden das Ei. Endlich sprang die Schale und das Junge war geboren. Doch was war das? Absolut jede Schuppe an dem Kleinen hatte eine andere Farbe! Sogar die Augen waren unterschiedlich, eines war golden, eines blau. Die Eltern waren geschockt. So einen Drachen hatten sie noch nie gesehen. Das Baby legte das Köpfchen schief und gab leise, gurrende Laute von sich. Diesem Laut kann sich kein Drache entziehen und so schlossen die Eltern ihr Junges behutsam in die gewaltigen Pranken.

Der kleine Junge erwies sich als sehr aufgeweckt. Immer freundlich und warmherzig begegnete er den anderen und seine Eltern liebten den Kleinen sehr. Die anderen Drachenkinder aber ließen keine Gelegenheit aus, ihm Streiche zu spielen und ihn zu ärgern. So manches Mal kam er nass und traurig vom Spielen zurück. Niemals verriet er, wer ihm was getan hatte. Dennoch kannte das flammende Herz des kleinen Drachen keinen Zorn. Niemals erhob er die Pranke oder spie gar Feuer nach seinen Angreifern, obwohl doch seine Mähne oft genug versengt war. „Du bist hässlich!“ riefen sie. „Was bist du eigentlich. Kein Feuerdrache, kein Wasserdrache, ein Sturmdrache auch nicht. Bist du überhaupt ein Drache??“

Eines Tages, die anderen Kinder hatten es einmal wieder besonders toll getrieben, flüchtete der kleine Drache in den Wald. Er saß am Teich in dem angeblich die Wasserfrau leben sollte. Seine Tränen tropften in das tiefe Wasser und sein Schluchzen war weit zu hören. Als er die Augen aufmachte, sah er tief unten im Wasser ein seltsames Glitzern. Neugierig geworden beugte er sich weiter vor um zu sehen, was da war. Er fiel kopfüber ins Wasser und ging unter. Zuerst hatte er schreckliche Angst doch dann merkte er, dass er atmen konnte. So tauchte er tiefer, um zu sehen woher das Glitzern kam. Gerade vor dem Haus der Wasserfrau erreichten seine Pranken den Grund. Der kleine Drache sah sich erstaunt um und da kam auch schon die Hausherrin. Sie begrüßte den kleinen Drachen freundlich, der den Kopf hängen ließ. Die freundliche Wasserfrau bat den traurigen Drachen ins Haus und kochte ihm Kakao. Bei heißer Schokolade ließ sie sich von seinem Kummer erzählen. Als der kleine Drache schließlich von dem Glitzern erzählte, lächelte die Wasserfrau. „Was du gesehen hast, kleiner Freund,“ sprach sie „ist genauso besonders wie du. Komm, ich zeig es dir.“ Sie gingen hinaus in den Garten zu einem Busch. Er blühte in allen Farben und die Blüten glitzerten und funkelten im Wasser. Der kleine Drache war begeistert von der schönen Pflanze. „Sie gehört zu dir“, erklärte die Wasserfrau. „Ich gebe dir ein Zweiglein mit. Wenn du es in die Hand nimmst, erwacht dein Herzenswunsch. Pflanze den Zweig ein und wenn er groß geworden ist, wirst du wissen, wer du bist und wozu du hier bist.“ Der kleine bunte Drache bedankte sich für das Geschenk und machte sich auf den Heimweg.

Kaum aus dem Wald heraus hörte er Fauchen und Schreien. So klang ein verletzter Drache. Er folgte dem Geräusch und kam zu dem Feuerdrachenjungen, der ihn erst gestern in Brand gesteckt hatte. Er krümmte sich vor Schmerzen und hielt sich die Vorderpranke. Der kleine Drache hatte Mitleid mit dem Verletzten und bat, die Pfote ansehen zu dürfen. Ein scharfer Dorn steckte tief zwischen den Klauen. Der kleine Drache zog ihn heraus. Um zu sehen, ob die Wunde blutete, beugte er sich tief herunter und die Zauberpflanze berührte die verletzte Pranke. Sofort war sie vollkommen gesund! Der junge Feuerdrache dankte beschämt seinem Helfer und versprach, ihn nie mehr anzuzünden. Der kleine bunte Drache aber sagte: „Ich bin dir nicht böse dafür, ich verstehe es nur nicht. Komm ich stütze dich.“ Schweigend gingen sie ein Stück, bis der Feuerdrache wieder fliegen konnte. Er setzte seinen Heimweg fort und traf das Erddrachenmädchen, dass ihm so gerne Steine auf die Pranken fallen ließ. Die Kleine war sehr traurig, neben ihr stand ein leerer Korb. Mutter hatte sie losgeschickt, Drachenbeeren fürs Abendessen zu sammeln. Doch sie hatte keine gefunden. Mutter würde sehr böse sein, über den leeren Korb. „Warte hier!“, rief der kleine bunte Drache. „Ich weiß, wo welche wachsen.“ Er nahm den Korb und flitzte davon. Kurze Zeit später kam er wieder. Der Korb war voll mit den schönsten Drachenbeeren, die das Erddrachenmädchen je gesehen hatte. Sie senkte betreten den Kopf. „Schon gut,“ sagte der bunte Drache „ich weiß dass wir im Herzen Freunde sind.“

Schließlich kam der kleine bunte Drache zu Hause an. Die Eltern hatten sich Sorgen gemacht, denn so lange war er sonst nicht fort. Aufgeregt erzählte er, was ihm begegnet war. Ehe er ins Bett ging, pflanzte er den Zweig noch neben der Höhle ein. Als er am nächsten Morgen aufwachte, glitzerte und funkelte es in seiner Schlafhöhle. Er spähte neugierig hinaus und…der Busch war über Nacht groß geworden. Aufgeregt wollte er aus dem Bett springen. Warum war das nur so eng auf einmal? Das Bett zerbarst schließlich und der Drache stürmte die Treppen hinunter. Seltsam! Die ganze Höhle war plötzlich so eng. „Mutter! Vater! Kommt und seht den Busch von der Wasserfrau!“ rief er. Die Eltern kamen aus der Schlafhöhle und starrten ihren Sohn fassungslos an. „Aber was ist denn? Warum ist alles so klein auf einmal?“ Die Eltern antworteten nicht sondern verneigten sich tief vor ihrem Sohn. „Mama? Papa?? Was habt ihr denn?“ „Komm und sieh,“ sagte der Vater.

Im Waschteich sah der Drache sein Ebenbild. Er war über Nacht so weiß geworden, dass er von innen leuchtete. „Jemand wie du wird nur alle 1000 mal 1000 Jahre geboren,“ flüsterte der Vater ehrfürchtig. Und da durchzuckte es den jungen Drachen: Er war ein Drache des Sternenlichts, weise und heilkundig. Und er wusste auch, warum er hier war. Er durfte Antworten bringen, zu denen mancher nicht einmal die Frage kannte, und Schmerzen heilen die so quälend waren, dass die Leidenden nicht einmal mehr klagen konnten. Wie der Busch, war auch er über Nacht groß geworden, und die Prophezeiung der Wasserfrau hatte sich erfüllt. Er nahm Abschied von seinen Eltern und dankte ihnen für alles. Lange wanderte er, bis er einen Berg fand, der alle Welten überragte. Auf dessen Spitze nahm er Platz und sein Gesang erklang für alle, die ihn hören konnten, auf das sein Lied sie zu ihnen führe.

Man sagt, er sitzt noch heute da. Jedem, der zu ihm kommt erteilt er Rat, Trost und Heilung. Jeder Besucher bekommt eine Blüte von dem Zauberbusch der Wasserfrau geschenkt. Niemanden wies er je ab und jeden lehrt er, dass das was uns besonders macht unser heiligster Besitz ist, egal was andere sagen. Gerade so, wie die Blüten, die er verschenkt, von denen sich nicht zwei gleichen und jede ihre ganz eigene Zauberkraft hat. Wer weiß? Vielleicht liegt auch in deinem Herzen eine solche Blüte? Sieh nach und erlaube ihr zu leuchten.

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