Wie die Menschen lernten zu träumen (Meine Geschichte)

Ob Nichtsnutz auf diesem Weg in den Wald rannte?

Als die Menschheit noch jung war, waren die Dinge des täglichen Lebens das Wichtigste. Sie jagten, ersannen Methoden zur Viehzucht, bauten und ehrten die Götter, ihre Schöpfer. In dieser Zeit wurde dem Schmied eines kleinen Dorfes ein Junge geboren. Der Kleine war von außerordentlicher Schönheit. Er hatte feine Glieder und klare, leuchtende Augen. Doch schon am Tag seiner Geburt wandte der Vater sich angewidert ab. Wie sollte dieses Kind jemals stark genug werden, um den Schmiedehammer zu schwingen?? Nun, der Vater sollte Recht behalten. Der Junge behielt seine edle schmale Figur. Bald zeigt sich, dass er sich absolut alles merken konnte. Man zeigte ihm ein Bild und er merkte es sich in allen Einzelheiten. Wenn ein Kunde des Vaters einen besonderen Wunsch äußerte, hörte der Junge genau zu und konnte die Idee des Kunden genauso malen, wie der Kunde es sich vorgestellt hatte. Trotz allem nannten ihn alle nur „Nichtsnutz“. Er wurde von seinen Altersgenossen gehänselt und geärgert, die Mädchen flüchteten kreischend, wenn er sich näherte, denn es galt als beschämend, mit Nichtsnutz gesehen zu werden.

Da niemand Verwendung für ihn hatte, streifte er oft Tage lang durch die Wälder. Am See suchte er bunte Steine und ordnete sie in Mustern an, die er sich vom Sternenhimmel abgeschaut hatte. Man kannte im Dorf sein Versteck. Manchmal, wenn Nichtsnutz einmal wieder nach seinem Steinbild sah, war es zerstört. Der Junge war dann sehr traurig, dennoch legte er immer wieder ein Neues. Eines Tages nun, kam er wieder zum Bild. Es war diesmal nicht zerstört, doch zwei Stern-Steine waren verschoben. Nichtsnutz wartete ungeduldig auf den Abend und blickte zum Himmel. Tatsächlich! Auch am Himmel waren die Sterne gewandert. Das neue Bild entsprach genau dem Muster der Sterne. Atemlos stürmte er ins Dorf und wollte wissen, wer denn, so wie er, die Sterne betrachtete. Sein Vater war sehr wütend: „Glaubst du es gibt hier noch mehr, die ihre Zeit vergeuden und das Essen nicht wert sind, das sie bekommen!?“, schrie er. „Verschwinde und setz keinen Fuß mehr in die Schmiede! Du bist keiner von uns!!“ Zornentbrannt warf der Vater mit dem Hammer nach dem Jungen, der entsetzt floh. Weinend ging der Verstoßene zurück in den Wald. Die Zweige schienen tröstend sein Haar zu streicheln und an seiner Bucht am See legte er sich nieder und schlief schließlich ein.

Spät in der Nacht wachte der Junge plötzlich auf. Obwohl es eigentlich finster sein musste, es war Neumond, schien ein sanfter Schimmer über der Wiese zu liegen. Nichtsnutz drehte sich um und sah eine strahlende Gestalt über sein Steinbild gebeugt. Nichtsnutz duckte sich hinter einen Stein, sein Herz klopfte bis zum Hals. Verzweifelt dachte er: „Mein Herz klopft so laut, dass man es bis ins Dorf hören wird!“. „Nun,“ hörte er eine liebliche Stimme, „so laut ist es nicht, doch laut genug, dass ich es höre.“ Der Junge sah hinter seinem Stein hervor, und blickte in strahlende meerblaue Augen. Die Frau schien aus Glas zu sein. Ihr Gesicht glich dem eines kleinen Mädchens, doch war ihr Haar silbern. Nichtsnutz brachte vor Staunen kein Wort heraus. „Mein Name“, sprach die seltsame Frau, „ist in deiner Sprache nicht nennbar. Nenne mich also Fiona. Das bedeutet, die Fee. Eine solche bin ich.“ Nichtsnutz erschrak zu Tode. Eine Fee?! Eines jener trügerischen und tückischen Wesen, von denen man sagte, dass sie die Menschen ins Unglück lockten, im Fluss ertränkten oder für immer verstummen ließen!? Die Fee richtete sich auf und blickte auf den Jungen. „Leider,“ seufzte sie „hasst ihr, was ihr nicht versteht. Und alles, wovor ihr Angst habt ist eine Ausgeburt des Bösen, nicht wahr?“ Nichtsnutz senkte beschämt den Blick als er verstand, was die Fee gemeint hatte.

Eine federzarte Hand fasste ihn unters Kinn und hob seinen Kopf. „Bist du auch so, wie die anderen?“ Nichtsnutz fühlte Tränen in seinen Augen. Die Fee lächelte mitfühlend und sagte sanft: „Nein, das bist du nicht. Sonst würdest du niemals eine Frau deine Tränen sehen lassen.“ Liebevoll nahm ihn die Fee in die Arme, und wiegte ihn wie eine Mutter. Er weinte in ihre duftenden Gewänder, bis er keine Tränen mehr hatte. Als er still geworden war, erzählte er der Fee wer er war und wie er hierher gekommen war.Als er geendet hatte, wölbte sich die zarte Braue der Fee erstaunt. „Sollten die Menschen wirklich so unsagbar dumm sein, deine Gabe als unnütz zu betrachten?“ Nichtsnutz verstand nichts mehr.

„Sieh mal,“ begann die Fee, „alles was du sahst oder hörtest, merkst du dir. Bilder kannst du dir genauso merken, wie Worte oder Geräusche. Du kannst malen und ich hörte dich auch schon singen.“ Nichtsnutz errötete über und über. Der Vater hatte ihn einmal, als er beim Aufräumen der Werkstatt gesungen hatte mit dem Stock geschlagen. Fiona bat den Jungen, sich bequem niederzulegen. Ihre kühle Hand ruhte auf seiner Stirn. Sanft bat sie: „Schließe deine Augen, ich will dir jetzt das Geheimnis deiner Gabe enthüllen.“ Nichtsnutz tat, was sie gesagt hatte. Die sanfte Stimme forderte ihn auf, sich an eine Rose zu erinnern. An ihre Farbe ihren Duft, einfach alles. Die Fee, die seine Gedanken las, lächelte. Auf der Rose, an die der Junge dachte, schimmerte ein Tautropfen im Mondlicht. „Ich dachte es mir“, murmelte die Fee. Etwas lauter sagte sie: „Nun erinnere dich an alle Blumen, die du je sahst. Mache aus diesen Blumen einen Strauß!“ Nichtsnutz entspannte sich und fühlte Freude, die Aufgabe der Fee gefiel ihm sehr. Er entwarf einen herrlichen Blumenstrauß. Vor seinem Inneren Auge entstanden sogar Blumen, die er noch nie gesehen hatte. Die Fee fragte ihn, woher er diese Blumen kenne. Errötend flüsterte Nichtsnutz: „Ich hab sie nie gesehen. Ich denke, so sehen die Blumen in deinem Land aus.“ Er fühlte einen warmen Luftzug in seinen Gedanken und die Feenblumen begannen zu klingen. Nichtsnutz war sprachlos: „Sie klingen auch?“ Die Fee nickte lächelnd. „Für heute“, entschied Fiona, „ist es genug. Die Sonne wird bald aufgehen. Sollen wir uns morgen Abend wieder hier treffen?“ „Du willst mit mir zusammen sein?! Aber ich bin doch Nichtsnutz.“ wunderte sich der Junge. Die Augen der Fee wurden hart. Sie sagte: „Für mich bist du mein Freund. Wiederhole nicht die Torheiten anderer, denn dadurch werden sie nicht wahr. In neun Tagen wirst du heimkehren. Nichtsnutz aber, wird für immer hier zurück bleiben.“ Die Fee verschwand. Der Junge saß noch lange im Dunkeln und dachte über ihre Worte nach. Er verstand sie nicht, beschloss aber, seinem Herzen zu gehorchen, das die Fee liebgewonnen hatte.

Am nächsten Abend kam Fiona wieder. Und auch an den folgenden. Der Junge lernte, alles woran er sich zu erinnern vermochte nach seinem Empfinden weiter zu entwickeln. So wurde aus der Erinnerung an den Bericht eines Jägers eine abenteuerliche und heldenhafte Wanderung. Aus der Schilderung, wie der Vater ein Messer schliff, ein geheimnisvoller magischer Akt. Am Abend des achten Tages nun, saßen die Beiden wieder zusammen. Nichtsnutz hatte gelernt, alles was er gesehen oder gehört hatte, zu verwandeln. Doch er konnte kein Bild entwerfen, welches er noch nie sah. Fiona lächelte ihn an. „Heute endet deine Zeit im Wald. Du bist nun bereit, mein Geschenk zu empfangen. Es wird deine Gabe zum Erblühen bringen.“ Die Fee entfachte ein Feuer. Unter ihrem Gesang begann es in allen Farben zu lodern. Dem Jungen wurde schwindlig, als er in das Feuer sah. Fiona bat ihn, sich zu entspannen. Es schien, als gingen die Flammen in den Kopf des Jungen. Seine Gedanken wurden bunt, seine Gefühle begannen zu duften und zu klingen. Die Fee reichte Nichtsnutz einen Becher mit einem goldenen Getränk. Sie nickte ihm aufmunternd zu, und der Junge trank. Er wurde schläfrig und warm. Fiona lud ihn ein, sich niederzulegen. „Erzähle!“, forderte sie ihn auf. „Was soll ich erzählen?“ fragte Nichtsnutz ratlos. „Was immer in deinem Geist erscheint“: Und so begann der Junge zu erzählen. Es war das erste Märchen der Menschheit. Der Inhalt der Geschichte ist ein Geheimnis geblieben zwischen Fiona und Nichtsnutz.

Am nächsten Tag machte sich der Junge auf den Weg zurück zum Dorf. Er klopfte an die Tür der Korbmacherin und bat um etwas zu essen. Die Frau kannte ihn natürlich. Doch heimlich bat sie ihn herein, denn sie hatte Mitleid mit ihm. „Du musst etwas tun für dein Essen,“ gab sie zu bedenken. Der Junge nickte. Die Korbmacherin setzte sich hin und betrachtete den Jungen erwartungsvoll. Und so erzählte Nichtsnutz. Er erzählte und die Korbmacherin lauschte gebannt. Immer weiter bat sie ihn, zu erzählen und am nächsten Tag durfte er wiederkommen. Die Korbmacherin fand die Arbeit plötzlich leicht, wenn der Junge ihr erzählte. Die griesgrämige Frau wurde fröhlich und ihre Körbe waren von außerordentlicher Schönheit. Im Dorf bemerkte man dass natürlich. Es sprach sich herum, dass Nichtsnutz wieder da war. Neugierig geworden, kam die Bäckersfrau eines Tages. Auch sie lauschte den Geschichten gebannt. In Windeseile verbreitete sich die Kunde vom Jungen, der Herzen schneller schlagen, Hoffnung wecken und den Gedanken Flügel verleihen konnte. Er wurde sehr beliebt und geachtet. Nun war sein Name Geschichtenerzähler, Nichtsnutz aber war im Wald geblieben, gerade so, wie Fiona es gesagt hatte.

Als der Geschichtenerzähler alt wurde, machte ihn der Gedanke dass mit ihm die Geschichten sterben sollten traurig. Wie so manches Mal, kam Fiona und fragte nach seinem Kummer. Der Geschichtenerzähler sagte ihr, dass er nicht wolle das mit ihm das Feengeschenk aus der Welt gehen sollte. Fiona nickte nachdenklich. „Komm mit,“ bat Fiona. Sie gingen in den Nachbarraum, indem ein kleines Mädchen schlief. Der Geschichtenerzähler hatte sie im Wald gefunden und bei sich aufgenommen. Fiona beugte sich über das Bett und küsste die Kleine auf die Stirn. Leuchtend funkelte der Feenkuss und sank schließlich in das schlafende Mädchen. Am nächsten Morgen war die Kleine ganz aufgeregt: „Papa!“ rief sie, „heute Nacht hab ich wundersame Bilder gesehen.“ Der Geschichtenerzähler fragte verwundert, was das denn für Bilder gewesen seien, nicht dass er das nicht kannte.Seit er Fionas Trank getrunken hatte, sah er auch Bilder im Schlaf. Doch auch bei Tag sah er sie und erzählte sie den Menschen. Das Mädchen begann zu erzählen und der alte Mann hatte verstanden. Das war also der Feenkuss! Er lehrte seine Tochter, bei wachem Geist und für die anderen zu träumen, denn nichts anderes sind unsere Geschichten: Träume, die wir teilen und die manchmal in gewisser Weise wahrer sind als das, was man die Tatsachen nennt.

So blieb also die Kunst des Träumens bei den Menschen. Auch heute noch beugt sich in stiller Nacht die Fee über ein Bett und küsst ein Kind. Das sind die, die Geschichten zu erzählen verstehen und die die Kunst des Träumens kennen. Viele von ihnen erleben Ähnliches wie der Erste von uns. Doch allen nähert sich die Fee, und wenn wir es erlauben, enthüllt sie uns das Geheimnis ihres Kusses….

In Erinnerung an den allerersten Erzähler und sie, die ihm die Gabe schenkte, heißen Geschichten von besonderer Kraft auch heute noch „Fairytales“ also Feengeschichten. Und genau wie der erste von uns grüßen wir auch heute noch mit den Worten:

„Reicht mir Becher und Teller, so will ich erzählen auf das die Stunden fliegen schneller.

Wundersames entbiet’ ich euch, Wind unter eures Geistes Schwingen,

auf das in euren Herzen süße Feenlieder erklingen.

Lasst uns rasten und teilen einen Traum, in des Lebens unermesslichem Raum.

Eine Seele die andere nährt, so sei es Brauch solange die Erde währt.”

Fühlt Ihr eine schimmernde Stille in Euch nach dem Gruß? Vielleicht erwacht in ihr ein Traum, der geteilt sein will und auch ihr seid dereinst von der Fee geküsst worden.

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