Die Geschichte vom Silberraben

So ähnlich sieht der Rabenfelsen aus.
Bildquelle: Peter Heinrich/pixelio.de

Wenn es in Irland zu dämmern beginnt, die Insel nach Torffeuern duftet und der Ozean die Klippen umtost wie schon seit Jahrhunderten, gehen die Iren ihren liebsten Beschäftigungen nach, sie singen oder erzählen Geschichten. So will auch ich nun erzählen.

Auf einer Klippe lebte einst eine Kolonie Raben. Sie führten ein Leben so recht nach Rabenart. Suchten nach Futter, erzogen ihre Jungen und spielten im Wind. Einer unter ihnen war besonders stolz auf seine tollkühnen Flugkünste. Er übertraf alle anderen jungen Raben an Mut und Geschicklichkeit. Die Alten sahen dies mit milder Missbilligung, manche seiner Geschwister mit unverhohlener Abneigung und Neid. Als er wieder einmal versuchte, mit einem Sonnenstrahl um die Wette zu fliegen rief er: “Hört, dies ist meine Vision! Ich werde der Größte unter den Raben werden. Und ich werde zu Briga, der Erhabenen und Schönen fliegen und alle magische Macht fordern, wenn ich das Sonnenlicht an Geschwindigkeit übertroffen habe!” Der junge Rabe verehrte eine hübsche Rabendame, die ihn allerdings meist zu übersehen pflegte. Eines Tages fand er zwischen den Klippen eingeklemmt eine Muschel, in der eine wundervolle Perle lag. Er wollte sie seiner Angebeteten schenken, den die Schönheit dieser Gabe würde ihr Herz schon öffnen. In tollkühnem Sturzflug raste er in die Spalte. Einen Moment hatte er Angst vor der eigenen Courage und versuchte zu bremsen. Dabei riss er sich beide Flügel ab.

Schwer verletzt kletterte aus der Spalte und musste von nun an am Boden bleiben. Der Hohn seiner Brüder war ihm sicher, wenn er am Boden nach dem suchte, was ihnen herab fiel um nur ein wenig Futter zu finden. Sein Herz wurde immer schwerer, und so begann er eines Tages, zu laufen. Immer zu. Durch Regen und Wind, durch Sonnenschein und Mondschimmer lief er. Irgendwohin. Bis er eines Tages vor einer Höhle stand. Süßer Gesang war zu hören und der liebliche Duft von Blumenessenzen umwehte den erschöpften Flügellosen. Erschrocken erkannte er den Ort: Briga war es, die hier wohnte. Er wollte fliehen, doch er war zu schwach. Die Göttin erschien und nahm den Raben behutsam auf. “So bist du also hier, wie du es sagtest.” Der Rabe schämte sich sehr und nickte betreten. Die schöne Zauberin streichelte mitfühlend das zerzauste Gefieder des Raben. “Dein Weg war lang, doch du bist ihn gegangen. Was ist es, was du dir wünschst? Willst du immer noch der Größte und Zaubermächtigste unter den Raben sein?” Da begann der Rabe zu schluchzen, barg sein Gesicht in den Armen der liebevollen Göttin und antwortete: “Nein, Erhabene. Ich möchte einfach nur ein Rabe sein.” Die Göttin küsste zart die Tränen und unser gefiederter Freund schlief ein.

Als er erwachte bemerkte er, dass er flog. Hoch und schnell trug ihn der Wind. Als er zur Seite sah erblickte er das Geschenk Brigas: Flügel, gewirkt aus feinstem Silber. Mit jubelndem Herzen kehrte er heim und bat demütig die Alten, sprechen zu dürfen. Verwundert gewährten sie. Der Rabe, der nun Silberrabe war, erzählte was ihm widerfahren war und bat, im Stamm in Zukunft die Jungen lehren zu dürfen. Er war liebevoll geworden, nachsichtig und weise. Bald liebten ihn alle in der Kolonie und selbst Jung-Raben aus dem fernen Wales baten um seine Schulung. So war seine Prophezeiung war geworden: Er war der Größte unter den Raben, weil er gelernt hatte, dass das Größte für einen Raben ist, ein Rabe zu sein.

Manchmal, so erzählt man, schimmert ein Rabenflügel im Nebel besonders hell. Dann, so lehren die Iren dürfen wir uns erinnern, wer wir sind. Und dass es das heiligste Ziel des Menschengeistes ist, er selbst zu sein, und einen jeden anderen zu ehren für das Ich das er oder sie ist.

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